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Industrialisierung macht Bauen schneller und billiger

Die Industrialisierung ermöglicht es, den Bauprozess bei geringeren Baukosten und mit weniger Personal zu beschleunigen. Es gibt jedoch auch Nachteile, die vor allem die erforderliche Flexibilität der Bauunternehmen einschränken.

Die Industrialisierung der Bauwirtschaft bringt nicht nur Vorteile mit sich. Beispielsweise steigen die Risiken aufgrund höherer Fixkosten, wodurch es für Bauunternehmen schwieriger ist, ihre Kapazitäten zu verringern. Dies ist in einem volatilen Baumarkt, wie zum Beispiel jetzt in der Coronakrise die Nachfrage zeitweilig einbrechen kann, jedoch unerlässlich. Um die Industrialisierung trotzdem erfolgreich zu machen, müssen Bauunternehmen angemessen damit umgehen.

In den Niederlanden und in Deutschland besteht eine strukturelle Wohnraumknappheit. Das niederländische Kabinett hat sich daher das Ziel gesetzt, mindestens 75.000 Wohnungen pro Jahr zu bauen. Das ist jedoch eine ziemlich große Herausforderung. Es gibt zu wenig direkt verfügbares Bauland und aufgrund der Coronakrise kann die Nachfrage nach Neubauten, trotz der strukturellen Knappheit, vorübergehend zurückgehen, weil die Verbraucher verunsichert sind und größere Anschaffungen wie ein neues Haus aufschieben könnten. Das geschah auch während der Finanzkrise.

Mit der Zeit wird die strukturelle Knappheit jedoch wieder zu einer steigenden Nachfrage führen, wodurch wiederum die Baukosten steigen und der Personalmangel wieder zu einem Problem wird. Um darauf vorbereitet zu sein, können Bauunternehmen manuelle Arbeit industrialisieren und durch Maschinen ersetzen. Mit der Industrialisierung des Bauprozesses sind also Vorteile, aber auch Nachteile verbunden.

Erst wenige Maschinen in der Bauindustrie

Im Vergleich zur Industrie ist der Bausektor noch kaum industrialisiert. Ein Mitarbeiter im Baugewerbe steht Maschinen und Anlagen im Wert von etwa 11.100 Euro gegenüber, in der Industrie ist die mit gut 115.000 Euro mehr als 10 Mal so viel.

Die Vorteile der Industrialisierung liegen darin, dass die Baukosten um etwa 10 bis 15 % gesenkt werden können. Bei weiteren Skalierungseffekten kann sich dies weiter erhöhen. Es ist auch möglich, mit weniger Personal zu arbeiten. Die Arbeit in einer klimatisierten Fabrik steigert die Qualität. Darüber hinaus wird die Umweltbelastung durch modulare Baumaterialien verringert, die leichter wiederverwendet werden können.

Vor allem der Verlust an Flexibilität ist für Bauunternehmen ein Nachteil der Industrialisierung. Industrialisierung bedeutet höhere Fixkosten und das birgt zusätzliche Risiken, wenn die Bauproduktion zum Erliegen kommt. Das passierte in der Finanzkrise und dieses Risiko droht momentan auch aufgrund der Coronakrise.

In einem schrumpfenden (Wohnungsbau-) Markt können die Preise auch noch volatiler sein, da die industrialisierten Bauunternehmen ihre Preise noch stärker senken. Sie können zu Senkungen bis hin zu den variablen Kosten (weit unter dem Selbstkostenpreis) gezwungen sein. Im industrialisierten Bauwesen haben die variablen Kosten einen relativ geringen Anteil an den Gesamtkosten, wodurch die Preise stärker sinken können.

Durch die Standardisierung ist auch weniger Maßarbeit möglich. Das bedeutet jedoch nicht unbedingt, dass nur „Einheitsbrei“ gebaut werden kann.

Erhalt einer flexiblen Hülle

Um dennoch von den Vorteilen mit möglichst wenigen Nachteilen zu profitieren, können Bauunternehmen verschiedene Dinge tun:

Der Erhalt einer flexiblen Hülle, sowohl für Personal als auch Material, kann dafür sorgen, dass Bauunternehmen teilweise von den Vorteilen der Industrialisierung profitieren, dabei aber nicht ihre Flexibilität verlieren, wenn der Markt (vorübergehend) ungünstig ist, wie es im Moment der Fall ist. Beispielsweise werden dann 50 % der maximalen Produktion industrialisiert und die anderen 50 % traditionell gebaut.

Wenn die Produktion (vorübergehend) zurückgeht, kann dies durch ein Zurückfahren der traditionellen Produktion ausgeglichen werden. Dies ist oft wesentlich einfacher als einen industrialisierten Prozess zu zurückzufahren. Die industrialisierte Produktion kann dann mit voller Kapazität weiterlaufen.

Kombinieren Sie Neubau, Renovierung und Nachhaltigkeit

Bei Industrialisierung denkt man oft an Neubauten. Industrialisierung wird aber auch in der kundenspezifischen Massenproduktion bei Renovierungen und bei Nachhaltigkeitsaufgaben immer besser möglich. In diesen Teilsektoren ist die Nachfrage weniger volatil und die Zahlen bleiben voraussichtlich auch während der Coronakrise hoch, da die Auftraggeber vor allem Wohnungsbaugesellschaften sind. Eine ausreichende Skalierung ist dabei vor allem auch bei Wohnungsbaugesellschaften zu erreichen. Absolut ideal, wenn ein und dieselbe Fabrik sowohl Renovierungs- als auch Neubauaufträge annehmen kann.

Auch eine antizyklische (Wohnungs-) Baupolitik der Regierung kann helfen

Eine stabile Regierungspolitik, die den (Wohnungs-) Bau in Zeiten rückläufiger Produktion stimuliert, gibt den Bauunternehmen mehr Sicherheit, die notwendigen Investitionen in die Industrialisierung zu tätigen. Wenn die Regierung die Industrialisierung fördern will, um die Bauproduktion anzukurbeln, kann sie für einen weniger volatilen Wohnungsmarkt sorgen, indem sie jetzt während der Coronakrise eine antizyklische Finanzpolitik verfolgt.

Während der Finanzkrise wurde eine prozyklische Finanzpolitik verfolgt (u. a. Begrenzung der Hypothekenzinsentlastung, Verringerung der maximalen Finanzierung und Erhöhung der Mehrwertsteuer). Davon war auch der Neubau betroffen, wodurch die Volatilität zunahm und das ist für Bauunternehmen keine gute Grundlage für Investitionen in die Industrialisierung.

Versorgungssicherheit durch Rückwärtsintegration

Im Industriebau mit festen Standards (Standardisierung) werden die Bauunternehmen zunehmend von bestimmten Lieferanten abhängig. Die Liefersicherheit ist wesentlich und um diese zu erreichen, werden Bauunternehmen schneller ihre eigenen (vorgefertigten) Baumaterialien herstellen oder übernehmen einen Lieferanten.

Ausweitung

Industrialisierung lohnt sich vor allem bei großen Stückzahlen, weil dann größere Effizienzvorteile erzielt werden und kleinere Baufirmen unter Druck geraten. Eine weitere Industrialisierung in der Bauwirtschaft kann daher zu Ausweitungen führen.

Konsequenzen: Höhere Grundstückspreise & weniger Personalmangel

Spitzenreiter profitieren zuerst

Wenn sich die Industrialisierung in der Baubranche fortsetzt, profitieren zunächst die Spitzenreiter unter den Bauunternehmen. Die erfolgreiche Umsetzung der Industrialisierung ermöglicht es ihnen, niedrigere Preise zu berechnen, einen Wettbewerbsvorteil zu erlangen und damit höhere Erträge zu erzielen.

Preise sinken, wenn mehr Bauunternehmen folgen

Wenn sich mehrere Bauunternehmen industrialisieren, geht der Kostenvorteil der Spitzenreiter verloren. Durch den Wettbewerb sinken die Baupreise. Die Erträge der gesamten Baubranche müssen sich daher nicht verbessern.

Preise bei zunehmender Industrialisierung noch volatiler

In einem schrumpfenden Markt, was in der konjunkturabhängigen Baubranche regelmäßig passiert (Finanz- und Coronakrise), senken die industrialisierten Bauunternehmen ihre Preise noch stärker, um ihre Fixkosten zu decken. Dies tun bis hin zu den variablen Kosten (weit unter dem Selbstkostenpreis), die im industrialisierten Bauen einen relativ geringen Teil ausmachen. Für ein Unternehmen ist es auf kurze Sicht besser Geschäfte zu niedrigeren Preisen zu machen, als eine Fabrik stillstehen zu lassen. Das lässt die Preise bei einem zeitweiligen Nachfragerückgang zusätzlich sinken und kann die Kontinuität eines Unternehmens gefährden.

Weniger Personalmangel

Wenn Bauunternehmen aufgrund der Industrialisierung Personal durch Maschinen ersetzen, wird weniger Personal benötigt. Die Industrialisierung erfordert von den Beschäftigten oftmals andere Kompetenzen. Es werden häufiger höher qualifizierte technische Arbeitskräfte benötigt.

An diesem Beitrag haben mitgewirkt:

  • Produktion: Emma van Harten und Leandra Marzluff
  • Partnerships: Derk Marseille
  • Redaktion: Bertus Bouwman und Peter Oehmen (sprachliche Adaption)

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