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„Wir müssen aus der Krise heraus innovieren.“

Mitten in der Krise muss die niederländische Industrie darüber nachdenken, wie es weitergehen soll. Ineke Dezentjé Hamming-Bluemink, Vorsitzende von FME und des Lenkungsausschusses Smart Industry, hat in den letzten Jahren in Deutschland viel darüber gelernt. „Nur durch Innovation können wir uns als kleines Land profilieren.“

Als Vorsitzender von FME hat Dezentjé Hamming-Bluemink das Programm „Smart Industry“ ins Leben gerufen. Der Grundstein dafür wurde während der Finanzkrise gelegt, als sie noch in der Zweiten Kammer saß. „Wir haben gesehen, dass Deutschland viel besser mit dieser Krise umgegangen ist als andere Länder. Wir machten einen Arbeitsbesuch, um herauszufinden, was das Geheimnis war. Es lag daran, dass Deutschland unglaublich viel Geld in Innovationen steckte und damit die Industrie ankurbelte. Damals arbeitete man bereits an der Plattform Industrie 4.0.“

Kurz nach dem Arbeitsbesuch begann Ineke bei FME. Eine Kennenlernrunde bei verschiedenen Mitgliedern führte zu einem Aha-Erlebnis. „Ich dachte: Unsere Industrie in den Niederlanden ist so hochtechnologisch, darin liegt eine riesige Chance für die Wirtschaft. Anlässlich der Gespräche in Deutschland und mit unseren Mitgliedern dachte ich, dass wir eine Plattform wie die Plattform Industrie 4.0 entwickeln sollten. Um Unternehmen dabei zu unterstützen, herauszufinden, wie sie noch intelligenter produzieren können. Daraus wurde Smart Industry.“

Gemeinsam mit der niederländischen Handelskammer, TNO und dem niederländischen Wirtschaftsministerium ergriff FME die Initiative. „Ich wollte eine breite Koalition aufbauen, um möglichst viel Reichweite erreichen“, sagt Dezentjé Hamming-Bluemink. „Auf der Hannover Messe 2014, wo die Niederlanden Partnerland waren, haben wir das Programm Premierminister Mark Rutte angeboten. Wir haben gesagt: Dies ist eine Agenda für die Zukunft der Niederlande.“

Das war der Anstoß. Es wurde ein Programmbüro Smart Industry mit einem Lenkungsausschuss eingerichtet. Dabei handelt es sich um eine noch breitere Koalition, in der aus verschiedenen Fachgebieten über eine weitere Digitalisierung der Hightech- und Fertigungsindustrie nachgedacht wird.

Die Stärke der Digitalisierung

Welches ist die größte Herausforderung für den Lenkungsausschuss? „Wir haben immer gesagt: Wir wollen keine Institution sein, sondern eine Bewegung. Wir wollen antreiben, Fortschritte ermöglichen. Die Herausforderung für unseren Lenkungsausschuss besteht darin, die Sprache der Unternehmer zu sprechen. Wir müssen zuhören: Was brauchen Unternehmen?“

Es begann mit der Schaffung von Bewusstsein. „2014 war sich die Mittel- und Kleinindustrie noch unzureichend der Stärke der Digitalisierung bewusst, der Möglichkeiten, die sie bietet, um hier in den Niederlanden einzigartige, maßgefertigte Produkte herzustellen. Dieses Bewusstsein steht für uns an oberster Stelle. Wir organisierten im gesamten Land Veranstaltungen, unter dem Motto ‚Fressen oder gefressen werden‘. Wenn man nicht aus seiner Komfortzone herauskommt, ist man im Handumdrehen aus dem Geschäft. Man muss jetzt handeln.“

„Mit steigendem Bewusstsein wollten wir konkrete Programme rund um die Implementierung machen. Wie produziert man denn tatsächlich intelligent? Welches neue Wissen und welche neuen Fähigkeiten benötigen die Mitarbeiter und werden diese Kenntnisse erworben? 2018 begann ein neues Implementierungsprogramm, um Unternehmen bei diesem Schritt zu unterstützen.“

„Inzwischen hat die Fertigungsindustrie ein besseres Image. Auch die Politik hat erkannt: Dies ist die Grundlage für das Wachstum unserer Industrie. Mit einem kleinen Binnenmarkt sind wir immer vom Export abhängig. Wie wird man Exportmeister? Nicht, indem man das Gleiche wie andere produziert, sondern indem man das Innovativste produziert. Dann sind die eigenen Produkte auf der ganzen Welt gefragt, genau wie das Wissen, das damit zusammenhängt.“

Innovation heißt Überleben

Wie geht es der Industrie in Zeiten von Corona? „Der Motor ist das letzte halbe Jahr weitergelaufen, aber Corona hat Sand ins Getriebe gestreut. Unsere Industrie ist spätzyklisch, sodass die Auftragsbücher noch gut gefüllt waren. Das neigt sich nun dem Ende zu und es kommt nur wenig zurück. Der Nachfragerückgang sorgt für große Probleme.“

„Gleichzeitig sage ich und das sagen viele andere auch: Wenn wir jetzt nicht weiter innovativ sind, werden wir in eine Abwärtsspirale geraten. Das ist die Gefahr in der Corona-Zeit, dass Unternehmen aufgrund ihrer finanziellen Lage Innovationen verschieben. Eigentlich bedeuten Innovationen zu überleben. Die Regierung sagt, wir müssen uns aus der Krise herausinvestieren. Ich denke, wir müssen aus der Krise heraus innovieren. Nur so können wir uns als kleines Land weiterhin profilieren.“

Was kann ein Unternehmen tun, um innovativ zu überleben? „Jedes Unternehmen muss sich neu erfinden, auf seine eigene Art und Weise. Ich würde in jedem Fall sagen: Schauen Sie, wie Sie weiter digitalisieren können. Das ist der Schlüssel zum Erfolg. Sehen Sie sich auch die Fieldlabs an, Testumgebungen, in denen Unternehmer gemeinsam Innovationsfragen angehen. Eine gute Möglichkeit für kleine Unternehmen, sich anzuschließen. Man kann nicht alles alleine machen. Gemeinsam zu radikalen Innovationen kommen, das ist dort möglich.“

Zukünftige Herausforderungen

Die Fieldlabs sind überall in den Niederlanden zu finden. „Wir haben Smart Industry mit einem leeren Dokument begonnen und jetzt gibt es über vierzig Fieldlabs. Darauf bin ich sehr stolz. Dies ist das Herzstück von Smart Industry: eine Plattform für Unternehmer, auf der sie entdecken, wie sie ihr Unternehmen auf zukünftige Herausforderungen vorbereiten können.“

Und es gibt genügend Herausforderungen. Auch unabhängig von Corona, betont Dezentjé Hamming-Bluemink. „Dadurch hat man manchmal das Gefühl als führe man im Nebel. Als Unternehmer müssen Sie, genau wie wir als Lenkungsausschuss, flexibel und agil sein. Peter Wennink von ASML hat es so schön gesagt: ‚If you don’t know where you’re going, you’d better be flexible.‘ Ich glaube, dass Sie für die nächsten fünf Jahre nicht eine Strategie haben werden, sondern eine Art „rollende Strategie“, die Sie nach und nach anpassen, um optimale Ergebnisse zu erzielen. So können Sie antizipieren und mit Ihrem Unternehmen sofort handeln. Genau wie auch wir im Lenkungsausschuss wissen müssen: jetzt müssen wir in diese Richtung lenken und bald in diese Richtung.“

An diesem Beitrag haben mitgewirkt:

  • Produktion: Emma van Harten
  • Partnerships: Derk Marseille
  • Redaktion: Bertus Bouwman und Peter Oehmen (sprachliche Adaption)

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