Mehr als 200 Gäste kamen zum diesjährigen Jahreskongress von Brainport Industries auf dem Brainport Industries Campus in Eindhoven. Neben Unternehmern waren auch Vertreter von Bildungs- und Forschungseinrichtungen, Netzwerkorganisationen und Behörden dabei. Auf dem Programm standen mehrere Keynotes, die Verleihung des William Pijnenburg Awards sowie Einblicke in die Projekte und Aktivitäten von Brainport Industries aus dem vergangenen Jahr. Im Fokus: Bereits zuvor hatten sich rund 100 Mitglieder zur Mitgliederversammlung getroffen.
Robotik als notwendiger Schritt für die Industrie
Direktor John Blankendaal verglich den Einstieg in die kognitive Robotik mit dem Schwimmenlernen: „Man kann sich hier erklären lassen, wie es funktioniert, zuschauen und wird anschließend selbst ins Wasser geworfen.“
Mit dem gemeinsamen Projekt „Experience Center Factory of the Future“ auf dem Brainport Industries Campus haben Unternehmen die Möglichkeit, Robotertechnologien kennenzulernen und selbst damit zu experimentieren. „So kommen wir gemeinsam vom Planschbecken ins Wettkampfbecken“, sagte Blankendaal.
Warum ist es für die Fertigungsindustrie so wichtig, den Schritt zu intelligenter Robotik zu gehen? Leo Warmerdam von Holland High Tech hatte darauf eine klare Antwort: „Gerade weil wir diese Steigerung der Arbeitsproduktivität brauchen.“
Warmerdam erläuterte, wie der Einstieg in die kognitive Robotik landesweit angegangen werden soll. Im Programmrat von Holland High Tech arbeitet er gemeinsam mit Unternehmen, Branchenorganisationen und Netzwerken wie Brainport Industries an einer nationalen Agenda für kognitive Robotik.
Drei Gründe sprechen aus seiner Sicht dafür, die Fertigungsindustrie in den Mittelpunkt zu stellen: Arbeit, Wohlstand und Autonomie. Die Fertigungsindustrie erwirtschaftet rund zwölf Prozent des niederländischen Bruttoinlandsprodukts. „Wir haben einen strukturellen Personalmangel und sehen in der Robotik sowohl eine Chance als auch einen notwendigen Schritt.“
Ein Entwurf der nationalen Agenda mit dem geplanten Vorgehen soll Anfang 2027 einem größeren Kreis vorgestellt werden.
Avular Robotics fordert mehr europäische Zusammenarbeit
Wie dringend das Thema ist, machte Albert Maas von Avular Robotics deutlich. Das Unternehmen entwickelt IT-Plattformen, mit denen sich fahrende und fliegende Roboter vielseitiger einsetzen lassen. Maas forderte die Unternehmer auf, mutiger zu sein und mehr zu investieren, damit Europa im Wettbewerb mit China und den USA nicht weiter zurückfällt.
Insbesondere das Hightech-Zuliefernetzwerk sei gefragt. Seine Erfahrung in der Prototypenentwicklung könne dazu beitragen, Robotersysteme schneller zu testen und weiterzuentwickeln. Dafür brauche es kurze Entwicklungszyklen und mehr europäische Zusammenarbeit.
Zur Einordnung verwies er auf die Größenunterschiede zwischen internationalen Technologiekonzernen: Das wertvollste Unternehmen der Welt habe mittlerweile einen Börsenwert von 5,1 Billionen erreicht, während der europäische Technologiekonzern ASML nur auf etwa zehn bis zwölf Prozent dieses Wertes komme.
Auch beim Entwicklungstempo sieht Maas Nachholbedarf. Während ein deutscher Automobilhersteller nach seinen Angaben drei Jahre für ein neues Modell benötige, dauere dies in China laut Maas nur ein Jahr. Unternehmer, die ein Produkt entwickeln, wollten ihren Prototyp innerhalb von 24 oder 72 Stunden in den Händen halten und nicht erst nach zwei Monaten.
Sein Fazit: „Das ist enorm wichtig für Europa. Ich glaube, wir sind noch nicht zu spät dran. Aber wir müssen jetzt handeln.“
Einblicke in die Projekte von Brainport Industries
Brainport Industries organisiert zahlreiche Projekte und Aktivitäten für und mit seinen Mitgliedern. Auf dem Kongress berichteten einige Teilnehmer, wie sie diese Zusammenarbeit in der Praxis nutzen.
Kreislaufwirtschaft in der Halbleiterindustrie: Steven Soederhuizen von Neways stellte die Arbeit der Projektgruppe Circular Business Program Semicon (CBPS) vor. In diesem strategischen Mehrjahresprogramm arbeiten Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Behörden gemeinsam an einer nachhaltigeren Halbleiterindustrie. Zu den beteiligten Unternehmen gehört auch ASML. Eine wichtige Erkenntnis dabei ist, dass ein zirkulärer Prozess nicht einfach ein umgekehrter Produktionsprozess ist. Unternehmen müssen Produkte zurücknehmen, zerlegen und für die Reparatur oder Wiederverwendung aufbereiten.
„Wer wirklich zirkulär wirtschaften möchte, muss die Produktverantwortung viel weiter fassen, als nur ein gutes Produkt zu bauen. Dann muss man auch sämtliche relevanten Daten über dieses Produkt erfassen“, erklärte Soederhuizen.
Das Programm hat einen Umfang von acht Millionen Euro. Die Teilnehmer investieren sowohl Geld als auch Arbeitszeit. Rund 60 Fachleute entwickeln verschiedene Konzepte für die Kreislaufwirtschaft, darunter digitale Produktpässe. Derzeit gibt es fünf Programmbereiche, ein sechster ist in Vorbereitung. Für Soederhuizen zeigt das Projekt, dass auch kleine Teams große Wirkung erzielen können.
Aufbau robuster internationaler Ökosysteme: Edward Voncken, CEO von KMWE und Vorsitzender von Brainport Industries, berichtete über die internationalen Aktivitäten des Netzwerks, insbesondere in Südostasien. Mehr als fünf Mitgliedsunternehmen sind dort inzwischen aktiv, weitere sollen folgen.
Gemeinsam mit der regionalen Entwicklungsgesellschaft BOM, der niederländischen Wirtschaftsförderungsagentur RVO und den Botschaften organisierte Brainport Industries mehrere Besuche und eine Marktstudie. Die Überlegung dahinter: Wenn die Zusammenarbeit in der Brainport-Region funktioniert, warum sollte sie sich nicht auch auf andere Regionen übertragen lassen? In einem Pilotprojekt mit Invest International ging es zudem um die Finanzierung internationaler Aktivitäten.
Produktivitätssteigerung und Verringerung des Aufwands bei Audits: Die Vorbereitung und Begleitung eines Audits kosten ein Unternehmen schnell eine oder mehrere Arbeitswochen. Brainport Industries möchte diesen Aufwand durch eine Harmonisierung der Audits verringern.
Das heißt konkret, Mitgliedsunternehmen sollen nicht für jeden Kunden erneut dieselben Fragen beantworten müssen. Eine Gruppe beteiligter Organisationen entwickelt deshalb gemeinsam Ansätze, wie solche Prüfungen vereinheitlicht und organisiert werden können.
Auszeichnung für die Nachwuchsförderung

Zum zehnten Mal wurde der William Pijnenburg Award verliehen. Der Preis würdigt Mitgliedsunternehmen, die in die Aus- und Weiterbildung von Fachkräften in der Region investieren. Manon Pijnenburg, CEO von AAE und Tochter des Namensgebers William Pijnenburg, betonte die Bedeutung langfristiger Nachwuchsförderung:
„Denn wir bilden heute für morgen aus. Wir brauchen dieses Talent weiterhin. Egal ob kleines oder großes Unternehmen: Gehen Sie mit gutem Beispiel voran. Öffnen Sie Ihre Türen. Lassen Sie Kinder, Jugendliche und Eltern Technik hautnah erleben.“
Nominiert waren HVL Metaal & Techniek, Leenders RVS Industrie und NTS Helmond. Der Preis ging an NTS. Nach Auffassung der Jury gelingt es dem Unternehmen besonders gut, junge Menschen für eine Karriere im technischen Bereich zu begeistern.
Intelligente Technik braucht qualifizierte Fachkräfte
Zum Abschluss des Kongresses warb Brainport-Industries-Vorsitzender Edward Voncken dafür, die Bedeutung handwerklicher und technischer Fachkompetenz nicht zu unterschätzen.
„Bei all den Dingen, die wir heute gehört haben, dürfen wir nicht vergessen, dass wir weiterhin Fachkräfte brauchen, die diese großartigen Dinge herstellen.”
Entscheidend sei, kognitive Robotik mit dem Wissen und Können qualifizierter Fachkräfte zu verbinden.




