Allein in den Niederlanden gab es Ende 2025 über 15.000 Anträge auf einen neuen oder größeren Netzanschluss. Weil das Netz an vielen Stellen an seine Grenzen kommt, haben die Niederländer gelernt, mit der vorhandenen Kapazität mehr anzufangen. Wie das in der Praxis funktioniert, zeigt beispielsweise das Unternehmen Withthegrid aus Utrecht. Mit intelligenter Steuerung sorgt es dafür, dass Betriebe ihre vorhandene Anschlussleistung besser ausnutzen können. Skoon Energy hilft wiederum Unternehmen und Netzbetreibern, passende technische und vertragliche Lösungen für knappe Netzkapazitäten zu finden. Auch deutsche Industriebetriebe, Logistikstandorte und Gewerbeparks könnten profitieren und somit schneller elektrifizieren.
Wenn nicht immer die volle Leistung verfügbar ist
In den Niederlanden gibt es flexible Vertragsmodelle für Netzkapazität. Das heißt, dass Unternehmen nicht immer die volle vereinbarte Leistung bekommen, dafür aber schneller einen Anschluss zu niedrigeren Kosten erhalten können. Beispiel: Ein Werk will expandieren und eine neue, stromhungrige Maschine anschließen. Der Netzbetreiber winkt ab: Der Ausbau der Leitung dauert drei Jahre, das Industriegebiet ist ohnehin schon überlastet. Mit einem flexiblen Netzanschluss geht die Anlage trotzdem sofort ans Netz, jedoch darf der Netzbetreiber die Stromzufuhr in Hochlastzeiten drosseln. Das funktioniert allerdings nur, wenn sich ein Teil des Verbrauchs tatsächlich verschieben lässt.
Manchmal müssen Unternehmen innerhalb ihrer verfügbaren Anschlussleistung klarkommen. Schießt der Stromverbrauch eines Betriebs beispielsweise bei Schichtbeginn extrem in die Höhe, kann ein Batteriespeicher einen Teil der zusätzlichen Leistung liefern.
Damit wird diese Energiespitze gekappt. Diese sogenannte Lastspitzenkappung (Peak Shaving) verhindert, dass der Betrieb zu viel Strom auf einmal aus dem Netz beziehen muss. Eine intelligente Software überwacht die Leistungsgrenze und steuert Speicher oder weitere Komponenten.
Vorhandenen Strom sinnvoll verteilen
Das niederländische Unternehmen Withthegrid hat ein Energiemanagementsystem, den sogenannten Teleport Gateway, entwickelt, das vor Ort beim Unternehmen installiert wird. Es verbindet Solaranlagen, Batteriespeicher, Ladepunkte und weitere Energieanlagen. Die Software überwacht, wie viel Leistung der Betrieb gerade aus dem Stromnetz bezieht oder einspeist, und steuert die angeschlossenen Anlagen so, dass die Grenzen des Netzanschlusses eingehalten werden.
“Was wir aus der Zusammenarbeit mit Hunderten von niederländischen Standorten gelernt haben, ist, dass ein begrenzter Netzanschluss nicht zwangsläufig ein Hindernis für Wachstum darstellt. Mit einer Batterie und einer lokalen Steuerung im Hintergrund kann ein Unternehmen weiterhin Solaranlagen, E-Auto-Ladestationen oder Lasten hinzufügen. Genau diese Flexibilität kann auch zu einer Einnahmequelle werden”, erklärt Paul Mignot, CEO bei Withtthegrid.
Wie das funktioniert, zeigt ein Projekt, das Withthegrid gemeinsam mit Steddion umgesetzt hat. Ein Logistikstandort mit Solaranlage wollte seine E-Lkw-Flotte elektrifizieren. Dafür kamen ein großer Batteriespeicher und neue Ladepunkte hinzu. Das Problem: Alle Anlagen hängen an einem Netzanschluss, dessen Strombezug und Einspeisung begrenzt sind. Gleichzeitig müssen die Lkw jeden Morgen ausreichend geladen für ihre Touren bereitstehen.
Der Teleport koordiniert dafür Wechselrichter, Batterie und Ladepunkte. Zunächst wird die Batterie geladen. Später können die Lkw sowohl Strom aus dem Speicher als auch aus dem Netz beziehen. So muss nicht die gesamte Ladeleistung gleichzeitig über den Netzanschluss bereitgestellt werden. Nach Angaben von Withthegrid stehen die Fahrzeuge dadurch morgens einsatzbereit zur Verfügung, ohne die Anschlussgrenzen zu überschreiten.
Auch in Deutschland wird knappe Anschlussleistung zunehmend zum Problem für Unternehmen. So sind E-Lkw auf dem Vormarsch, doch bei der Ladeinfrastruktur drohen laut der Deutschen Energie-Agentur (dena) Engpässe: Der vorhandene Netzanschluss von Betrieben, Tank- und Rastplätzen reiche für den Strombedarf schwerer Lkw oft nicht aus.
Flexibilität für Netzbetreiber und Unternehmen
Während Withthegrid den Stromverbrauch innerhalb eines Unternehmensstandorts steuert, setzt Skoon Energy aus Rotterdam eine Ebene darüber an. Das Unternehmen hilft Betrieben und Netzbetreibern herauszufinden, welche Maßnahmen bei knapper Netzkapazität sinnvoll sind. Nicht immer muss dafür eine Batterie installiert werden. Manchmal können Unternehmen ihren Stromverbrauch verschieben oder mit einem flexiblen Netzvertrag arbeiten.
Wie das in der Praxis aussehen kann, zeigt ein Projekt mit dem niederländischen Netzbetreiber Enexis in ’s-Hertogenbosch. Dort traten an einem Umspannwerk zeitweise hohe Lastspitzen von einem Megawatt auf. Skoon organisierte fünf mobile Batteriecontainer mit jeweils 250 kW Leistung und 500 kWh Speicherkapazität. Über die digitale Plattform GOPACS können Netzbetreiber solche Speicher gezielt zur Entlastung ihres Netzes einsetzen.

Auch in der Provinz Utrecht arbeiten Skoon und Withthegrid zusammen. Im Piloprojekt NIMB untersuchen sie gemeinsam mit dem Unternehmen ACC, wie mobile Batteriespeicher, die normalerweise für Baustellen oder Veranstaltungen vermietet werden, in ungenutzten Zeiten das Stromnetz entlasten können. Withthegrid übernimmt dabei die Echtzeitsteuerung, Skoon die Organisation und Einbindung der Speicher und ACC die Handelsalgorithmen. Das Projekt wird von der Provinz Utrecht gefördert.
Fehlende Netzanschlüsse werden zum Standortproblem
Starke Industrieregionen wie in NRW kämpfen im Zuge der Elektrifizierung mit denselben Problemen. Im Rheinischen Revier zeigt sich, was fehlende Netzkapazität für einen Wirtschaftsstandort bedeuten kann. Hier möchte sich Microsoft ansiedeln und ein Rechenzentrum errichten. Allein der Standort Bedburg soll 170 Megawatt benötigen – so viel Stromverbrauch wie eine Stadt mit 100.000 Einwohnern. Microsoft selbst hat sich die Stromversorgung frühzeitig gesichert. Anderen Hightech-Firmen, die sich rund um die Rechenzentren ansiedeln wollen, wurde ein Netzanschluss erst für 2040 oder später in Aussicht gestellt.
Bedburgs Bürgermeister Sascha Solbach bringt es gegenüber dem WDR drastisch auf den Punkt: „Uns geht tatsächlich unterwegs der Saft aus, im wahrsten Sinne des Wortes.“ Fehlende Anschlussmöglichkeiten könnten die wirtschaftliche Entwicklung der Region ausbremsen.
Und Bedburg ist kein Einzelfall. Energieintensive Unternehmen wie Logistiker, Rechenzentren und Robotikfirmen finden in manchen deutschen Gemeinden gar keinen Standard-Stromanschluss mehr. Das Problem ist damit längst keine Frage einzelner Regionen mehr, sondern ein bundesweites.
Fazit
Die Erfahrungen aus den Niederlanden zeigen, dass Unternehmen auch bei begrenzten Netzkapazitäten Handlungsspielräume haben. Entscheidend ist, wie viel Leistung sie tatsächlich zu welchem Zeitpunkt benötigen und wie sie die vorhandene Kapazität besser nutzen können. Dafür kommen je nach Standort Batteriespeicher, intelligente Steuerung oder flexible Netzverträge infrage.
Dabei geht es nicht nur um die Technik, sondern auch um die Zusammenarbeit zwischen Unternehmen, Netzbetreibern und Energieexperten. Welche Lösung sinnvoll ist, hängt von den jeweiligen Anforderungen vor Ort ab.
Bildrechte Titelbild: Withthegrid
Teil unserer Themenserie: Energie und Innovation
Wie gestalten Deutschland und die Niederlande die Energiezukunft? In einer Artikelserie beleuchtet Niederlande Nachrichten Technologien, Unternehmen und Kooperationen, die den Wandel vorantreiben.
Die Serie entsteht in Zusammenarbeit mit Wirtschaftsvertretern und Experten beider Länder sowie mit unseren Partnern ROM Utrecht Region, BOM, Oost NL, Innovation Quarter und NOM.



