Auf der Intercharge Network Conference (ICNC26) in Berlin-Tempelhof geht es um die Zukunft des Ladens: neue Ladesäulen, vernetzte Systeme, Vehicle-to-Grid und Smart Charging. Niederlande Nachrichten war dabei und läuft mit Arjan Wargers, Manager Research & Innovation bei ElaadNL, eine kleine Runde über das Messegelände. Dabei kommt eine Frage immer wieder auf: Was passiert, wenn immer mehr Elektroautos gleichzeitig Strom aus einem ohnehin stark belasteten Netz brauchen?
Eine Branche wird erwachsen
Was auf den Ständen sofort auffällt: Die Kommunikation zwischen Fahrzeug, Ladesäule und den dahinterliegenden Systemen läuft über etablierte Standards wie ISO 15118 und OCPP. Neu sind vor allem die Anwendungsfälle rund um Vehicle-to-Grid (V2G), also das Rückspeisen von Strom ins Netz. Dafür sind zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen nötig und die Branche zeigt laut Wargers erstaunlich offen, dass diese Kette technisch noch nicht komplett wasserdicht ist. Gleichzeitig sei die Branche insgesamt erwachsen geworden: Bei den Backoffice-Anbietern sei die typische Start-up-Phase weitgehend vorbei. Einige seien gewachsen, andere wieder vom Markt verschwunden.
Der nächste Schritt in dieser Entwicklung zeichnet sich bereits ab: Ab Januar 2027 müssen neu gebaute Ladestationen den globalen Standard ISO 15118-20 unterstützen. Für eine relativ neue Technologie bezeichnet Wargers diesen Zeitrahmen als „ziemlich anspruchsvoll“.

V2G als Mittel zur Entlastung des Verkehrs
Viele Gespräche vor Ort drehen sich um bidirektionales Laden und V2G. Durch V2G entsteht eine Möglichkeit, das Stromnetz zu entlasten, erklärt Wargers. Netzengpässe seien in den Niederlanden ausgeprägter als in den meisten anderen europäischen Ländern.
Aus diesem Grund haben niederländische Netzbetreiber gemeinsam an der Einrichtung einer Standardschnittstelle zwischen ihren eigenen Systemen und den Ladepunkt-Managementsystemen (CSMS) gearbeitet, um die Verringerung der verfügbaren Leistung zu signalisieren: „Grid Aware Charging“ – ein niederländisches Programm, das auf dem offenen Standard OpenADR 3 basiert.
Auf die Frage, welche Stände er noch besuchen möchte, nennt Wargers vor allem die Anbieter der Backoffice-Systeme hinter den Ladepunkten. Anbieter wie GreenFlux, Ampeco, Vattenfall und Driivz lassen ihre OpenADR-Implementierungen derzeit von ElaadNL testen. Sobald die technische Anbindung überprüft wurde, kann „Grid Aware Charging“ zwischen Netzbetreibern und Ladestationsbetreibern in Betrieb genommen werden. In Zeiten von Netzengpässen steht für eine Gruppe von Ladegeräten weniger Kapazität zur Verfügung. Es handelt sich um einen marktbasierten Mechanismus, für den die Ladestationsbetreiber eine Entschädigung vom Netzbetreiber erhalten. Ein neues Programm zielt darauf ab, dasselbe Prinzip auf private Ladestationen, Batteriespeichersysteme und andere, potenziell flexible Haushaltsgeräte auszuweiten – etwas, das laut Wargers in dieser Form kaum irgendwo sonst in Europa existiert.
Verschiedene Wege, gleiches Problem
In Deutschland werde er oft gefragt, wann die deutschen Netzbetreiber nachziehen würden, erzählt Wargers. Doch die Frage greife zu kurz. Deutschland setze einfach andere Prioritäten, wie zum Beispiel den Ausbau der Schnellladeinfrastruktur entlang der Autobahnen. In den Niederlanden habe man bereits vor 15 Jahren damit begonnen, langsame Ladestationen in Wohngebieten zu installieren, schlichtweg, weil es im Vergleich zu anderen EU-Ländern kaum private Einfahrten gebe. In den Niederlanden gibt es eine recht große Anzahl an öffentlichen Ladestationen, was angesichts von Netzengpässen eine gewisse Flexibilität bietet. Ähnliche Programme gibt es mittlerweile beispielsweise auch in Berlin und Hamburg. Netzengpässe sind, wie gesagt, in den Niederlanden dringlicher als in anderen EU-Ländern, aber wir sehen, dass diese Herausforderung (ausreichende Netzkapazität) auch in anderen Ländern zunimmt.
Auch regulatorisch gehen beide Länder unterschiedliche Wege. Die Niederlande setzen konsequent auf Marktmechanismen. Ladepunktbetreiber werden vom Netzbetreiber dafür vergütet, wenn sie ihre Ladeleistung in Zeiten hoher Netzbelastung anpassen. Demgegenüber wählt Deutschland mit dem Smart-Meter-Gateway einen regulierten Ansatz, bei dem der Netzbetreiber innerhalb eines festen rechtlichen Rahmens den Stromverbrauch von Wallboxen, Wärmepumpen oder Batteriespeichern bei drohender lokaler Netzüberlastung zeitweise begrenzen kann. Großbritannien verfolgt, genau wie die Niederlande, einen marktbasierten Ansatz zur Erschließung von Flexibilität im Wohnbereich.






Cloud oder lokale Steuerung: unterschiedliche Sicherheitsansätze
Auch Cybersecurity ist auf der ICNC26 ein großes Thema. Wargers sieht hier einen weiteren Unterschied zwischen Deutschland und den Niederlanden. Deutschland setzt laut Wargers stärker auf eine Architektur, bei der die Steuerung möglichst lokal im Haushalt bleibt. Wird ein einzelnes System kompromittiert, lässt sich der Schaden so begrenzen. Im niederländischen Ansatz gibt es deutlich mehr Spielraum für cloudbasierte Lösungen. Sie lassen sich schneller skalieren, erhöhen bei einem erfolgreichen Angriff auf die zentrale Plattform aber auch das mögliche Schadensausmaß. Wargers erwartet, dass an die Parteien, die die Cloud-Steuerung übernehmen, strengere Anforderungen gestellt werden. Wer letztlich überwacht, ob Batteriespeicher und Wärmepumpen ausreichend gegen Hackerangriffe geschützt sind, sei „noch ein ziemliches Fragezeichen“.
Gemeinsame Protokolle trotz unterschiedlicher Regulierung
Trotz unterschiedlicher regulatorischer Rahmenbedingungen gibt es auf technischer Ebene viel voneinander zu lernen, betont Wargers. So gibt es beispielsweise kaum Unterschiede bei der Art und Weise, wie eine Verbindung hergestellt wird: vom Netzbetreiber über das Managementsystem bis hin zum Endgerät. In der EU gibt es ähnliche Initiativen zur Standardisierung und damit zur Skalierung der Freischaltung von Flexibilitätsressourcen. Als Beispiel nennt Wargers den Code of Conduct (CoC) und das Mercury-Konsortium, das darauf abzielt, Geräte wie Wallboxen, Batteriespeichersysteme und Wärmepumpen herstellerübergreifend interoperabel zu machen. Um dies zu erreichen, baut Mercury auf bestehenden Kommunikationsprotokollen auf, und der CoC zielt darauf ab, die Anwendungsfälle der Flexibilitätserschließung und die in den verschiedenen Protokollen verwendeten Datenobjekte aufeinander abzustimmen.
ElaadNL strebt aktiv eine Zusammenarbeit mit deutschen, französischen, britischen und anderen Partnern an, um gemeinsame Basisstandards zu entwickeln – keinen einzigen verbindlichen Standard, sondern koordinierte Basisprotokolle. Um die Nutzung von Flexibilität in Privathaushalten in großem Maßstab zu ermöglichen, ist eine nahtlose Interoperabilität zwischen Geräten und Home-Energy-Management-Systemen (HEMS) unerlässlich. ElaadNL testet die Interoperabilität von E-Auto-Ladegeräten, Hausbatterien, Wärmepumpen, PV-Wechselrichtern und Hausenergie-Managementsystemen (HEMS).
Zum Ende des Gesprächs wird aus dem Austausch über Standards eine Einladung an deutsche Hersteller.
“Indem wir die Konnektivität der Geräte auf der Grundlage bestehender Standards in realen Szenarien validieren, tragen wir dazu bei, die Entwicklung eines interoperablen, zuverlässigen und zukunftssicheren Flexibilitäts-Ökosystems zu beschleunigen”, so Wargers. „Wir laden Hersteller ein, ihre Geräte in unserem Testlabor prüfen zu lassen. Kommen Sie nach Arnheim und testen Sie Ihre Systeme auf Interoperabilität. Im November bieten wir dafür eine extra Veranstaltung an.“
Weitere Informationen und Anmeldung
Fazit
Die Niederlande und Deutschland gehen das gleiche Problem, die Netzstabilität in Zeiten zunehmender Elektrifizierung zu gewährleisten, aus unterschiedlichen regulatorischen Blickwinkeln an. Auf der Ebene der Protokolle nimmt die Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern, Frankreich, dem Vereinigten Königreich und anderen Ländern spürbar zu. Und Wargers schließt nicht aus, dass auch die Niederlande langfristig regulatorische Elemente einführen müssen: Der Nachteil eines rein marktbasierten Systems sei, so sagt er, dass nie ganz sicher sei, wie viel Flexibilität tatsächlich zur Verfügung stehe, wenn sie am dringendsten benötigt werde. In den kommenden Jahren werden die Umsetzung verschiedener Lösungen und der Erfahrungsaustausch zwischen den Ländern dazu beitragen, ein Gleichgewicht zwischen den unterschiedlichen Ansätzen zu finden. Kurz gesagt: Fortsetzung folgt!
Interview: Derk Marseille, geführt auf der ICNC26 in Berlin-Tempelhof.




