Quantencomputer, sichere Kommunikation und moderne Medikamentenentwicklung: Quantentechnologien gelten weltweit als eine der Schlüsseltechnologien der kommenden Jahrzehnte. Auch in den Niederlanden gewinnt das Feld zunehmend an Dynamik. In unserer Reihe über die Gesichter hinter dem niederländischen Hightech-Sektor sprechen wir mit Mayra van Houts, Head of Strategy bei Quantum Delta NL und Mitglied des Programmrats für Quantentechnologien bei Holland High Tech. Quantum Delta NL ist das nationale Quantenprogramm der Niederlande und erhielt 615 Millionen Euro aus dem National Growth Fund.
„Die möglichen Anwendungen sind unglaublich spannend. Etwa Medikamente, die vollständig auf den einzelnen Patienten zugeschnitten sind, oder Klimamodellierung“, sagt van Houts. „Das ist zwar noch Zukunftsmusik, aber es kommt.“
Quantentechnologie: Rechenleistung für neue Herausforderungen
Quantentechnologien finden sich in verschiedenen Anwendungsfeldern wieder. Zum Beispiel in Quantencomputern, die komplexe Probleme zu berechnen können, an denen klassische Computer schnell an ihre Grenzen stoßen. Dazu gehören beispielsweise präzisere Klimamodelle oder Simulationen in der Medikamentenentwicklung. Auch die Quantenkommunikation entwickelt sich rasant.
Sie ermöglicht theoretisch abhörsichere Datenübertragung und gilt damit als vielversprechend für Cybersicherheit und kritische Infrastruktur. Ein wichtiger Schritt gelang Wissenschaftlern des Forschungsinstituts QuTech, die eine erste Quantenverbindung zwischen Delft und Den Haag herstellen konnten.
„Das Quanteninternet eignet sich (…) derzeit vor allem für Kommunikation über relativ kurze Distanzen, beispielsweise innerhalb des Rotterdamer Hafens und seiner Umgebung“, sagt Stephanie Wehner, Quantenphysikerin und Direktorin sowie Mitbegründerin der Quantum Internet Alliance, gegenüber der deutsch-niederländischen Handelskammer. „Unser Ziel ist es, die Reichweite bis 2030 auf 500 Kilometer zu erhöhen.“
Die Niederlande als Quantum-Hotspot
Die Niederlande haben sich in den vergangenen Jahren zu einem wichtigen europäischen Standort für Quantentechnologien entwickelt. Besonders stark ist das Land bei Hardware-Komponenten für Quantencomputer, insbesondere im Bereich supraleitender Systeme. Rund um die Technische Universität Delft hat sich ein dynamisches Ökosystem aus Forschungseinrichtungen, Start-ups und Industriepartnern entwickelt.
„Viele Start-ups in Delft zählen zu den besten der Welt“, erklärt van Houts. „Als vergleichsweise kleines Land gehören die Niederlande zu den globalen Vorreitern.“
Programme wie Quantum Delta NL treiben die Entwicklung eines Ökosystems für Quantentechnologie voran, in dem Start-ups, Forschungsinstitute, Industriepartner sowie politische Entscheidungsträger vereint sind, um die Theorie in die Praxis zu überführen. Zusätzlich hat QDNL Participations 15 Millionen Euro für Start-up-Investitionen bereitgestellt.
Quantentechnologie, Halbleiter und Photonik: Starke Schnittstellen
Quantentechnologie steht dabei nicht isoliert, sondern ist eng mit anderen Hightech-Bereichen verbunden. Besonders deutlich wird dies an den Schnittstellen zu Halbleitertechnologie und Photonik.
„Bei Holland High Tech arbeiten verschiedene Fachbereiche zusammen: Quantentechnologie, Halbleitertechnik und Photonik“, erklärt van Houts. „Gerade diese Schnittstellen werden gezielt gefördert.“
Die Halbleiterindustrie ist dabei sowohl Lieferant als auch Anwender von Quantentechnologie. Lithografieanlagen oder Präzisionsmesstechnik sind entscheidend für die Herstellung von Quantenchips. Gleichzeitig können Quantensensoren wiederum Prozesse innerhalb der Halbleiterproduktion verbessern.
Als Dachorganisation des niederländischen Hightech-Sektors spielt Holland High Tech eine koordinierende Rolle. Seit 2018 hat die Organisation rund 22 Millionen Euro in Projekte zur Quanteninnovation investiert und fördert gezielt öffentlich-private Kooperationen.
Deutsch-niederländische Zusammenarbeit in der Quantenforschung
Mit der zunehmenden Dynamik wächst auch die Bedeutung internationaler Zusammenarbeit. Im Juli 2025 stellte die Europäische Union eine neue Quantum-Strategie vor, die perspektivisch in ein Gesetz, den sogenannten Quantum Act, münden soll.
Auch Deutschland spielt dabei eine wichtige Rolle. Zahlreiche Forschungsprojekte entstehen im Rahmen europäischer Kooperationen zwischen deutschen, niederländischen und französischen Partnern.
Das deutsche Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt unterstützt gemeinsam mit Partnern aus den Niederlanden und Frankreich mehrere trilaterale Forschungsprojekte. Ein Beispiel ist InSynQ: Das Projekt entwickelt robuste optische Atomuhren für GPS-freie Navigation, etwa für autonome Fahrzeuge. Ein anderes ist AdAstra, das an Quantenfehlerkorrektur arbeitet, um Quantencomputer zuverlässiger zu machen.
Ausblick: Talente und breiteres Technologieverständnis sind nötig
Neben Forschung und Investitionen sieht van Houts vor allem den Aufbau eines starken Talentpools als entscheidend für die Zukunft der Technologie.
„Es ist wichtig, dass sich immer mehr Menschen mit Quantentechnologie vertraut machen“, sagt sie. „Viele denken noch: ‚Quanten, ist das nicht unglaublich kompliziert?‘ Aber auch ohne physikalischen Hintergrund gibt es in diesem Bereich viele spannende berufliche Möglichkeiten.“
Denn damit Quantentechnologien ihr Potenzial entfalten können, braucht es nicht nur wissenschaftliche Durchbrüche, sondern auch Unternehmen, Talente und internationale Kooperation. Die Technologie steht vor dem Durchbruch und die Niederlande sind bereit, eine führende Rolle zu spielen.
Dieser Artikel basiert auf einem Interview, das zuvor auf Englisch auf IO+ veröffentlicht wurde.
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