Wärmepumpen, Heimspeicher, Solarwechselrichter und Wallboxen ziehen zunehmend in private Haushalte ein, um Energie effizienter zu nutzen. Doch mit der Elektrifizierung entstehen neue Probleme. Um Stromflüsse im Haushalt intelligent zu koordinieren, sollten die Geräte eine gemeinsame Sprache sprechen.
Genau daran arbeitet das niederländische Wissens- und Innovationszentrum ElaadNL und organisiert am 17. und 18. Juni 2026 das zweite „Residential Flexibility“-Event in seinem Testlabor in Arnheim. Hersteller von Home-Energy-Management-Systemen (HEMS), Ladestationen für E-Autos, Batteriespeichern, Solarwechselrichtern und Wärmepumpen können dort ihre Hard- und Software gemeinsam mit Produkten anderer Anbieter testen.
Im Mittelpunkt steht eine zentrale Frage: Funktionieren flexible, energieintensive Geräte und Home-Energy-Management-Systeme auch herstellerübergreifend zusammen, indem sie eine gemeinsame „Sprache“ sprechen?
Warum Interoperabilität zur Schlüsselfrage wird
Denn mit der wachsenden Zahl elektrischer Anwendungen im Haushalt steigt der Abstimmungsbedarf unter den Systemen: Ein Elektroauto etwa lädt, eine Wärmepumpe läuft, ein Speicher reagiert auf Strompreise oder Netzauslastung, während der Solarwechselrichter Energie einspeist. Damit dieses Zusammenspiel funktioniert, braucht es eine gemeinsame technische Grundlage.
Dr. Marisca Zweistra, Projektmanagerin für Smart Charging bei ElaadNL, beschreibt die Herausforderung so: „Viele Hersteller entwickeln eigene Energiemanagementsysteme, die auf ihr jeweiliges Produktportfolio abgestimmt sind. Bei der Entwicklung entscheiden sie sich für eine bestimmte Art der Kommunikation zwischen den Geräten. Eine von uns durchgeführte Bestandsaufnahme hat ergeben, dass es in diesem Bereich bereits fast 30 Kommunikationsprotokolle gibt. Dies birgt die Gefahr, dass ein Markt aus geschlossenen Systemen entsteht, was für Verbraucher und Netzbetreiber problematisch werden kann. Geräte anderer Anbieter lassen sich nicht in ein Haus integrieren, und Netzbetreiber bleiben hinsichtlich der vorhandenen Flexibilität im Unklaren.“
Vier Protokolle sollen Grundlage für gemeinsame Sprache der Energiewende bilden
ElaadNL hat daher ein Projekt zur Zukunftssicherung von Kommunikationsprotokollen für flexible Energietechnologien im Haushalt ins Leben gerufen. Im Mittelpunkt stehen dabei vier Protokolle: EBUS, S2, Matter und OCPP.
Das Ziel besteht nicht darin, sofort eine einheitliche technische Lösung für alle festzulegen. Allerdings wird die Anzahl der möglichen Kommunikationskanäle gegenüber dem derzeitigen Stand reduziert und die Kompatibilität zwischen verschiedenen Geräten verbessert.
„Wir möchten den Herstellern schon frühzeitig dabei helfen, ihre Systeme interoperabel und zukunftssicher zu gestalten“, erklärt Zweistra. „Im Hinblick auf die geplante Zertifizierung wird es immer wichtiger, dass Geräte offene und kompatible Kommunikationsstandards unterstützen.“
Letztendlich sollte es für Haushalte keine Rolle spielen, welche „Sprache“ eine Wärmepumpe oder eine Wallbox spricht. Entscheidend ist, dass sie sich zuverlässig in jedes Hausenergiemanagementsystem integrieren lässt.
Testevent in Arnheim als Schritt zur Zertifizierung
Das Testevent in Arnheim ist Teil eines größeren Entwicklungsprozesses. Teilnehmer können ihre Systeme in einem Umfeld von verschiedener Herstellern testen, Erfahrungen austauschen und technische Lücken sichtbar machen.
Geöffnet ist das Event für Hersteller von Home-Energy-Management-Systemen, Ladestationen, stationären Batterien sowie Solarwechselrichtern und Wärmepumpen. Die Teilnahme ist kostenlos.
Die gemeinsame Ambition von ElaadNL und seinen Partnern TNO und FAN ist klar: Bis Ende 2026 soll ein Zertifizierungsprozess für interoperable HEMS und flexible energieintensive Geräte vorbereitet werden.
Dies setzt die Hersteller zunehmend unter Handlungsdruck. Systeme, die nicht mit den künftigen relevanten Standards kompatibel sind, könnten langfristig schwieriger zu integrieren sein – insbesondere in einem Markt, der sich zunehmend in Richtung intelligenter, vernetzter Energiesysteme entwickelt.
Warum das auch für deutsche Hersteller relevant ist
Deutschland gilt als ein wichtiger Markt für Wärmepumpen, Wechselrichter, Ladeinfrastruktur und Gebäudetechnik. Deutsche Hersteller wie Bosch, SMA, Stiebel Eltron und Viessmann prägen diesen Markt und sind direkt von Interoperabilitätsfragen betroffen.
Das Thema der zunehmenden Elektrifizierung gewinnt auch in Deutschland regulatorisch an Bedeutung. Seit Anfang 2024 gelten mit § 14a EnWG neue Vorgaben zur netzdienlichen Steuerung steuerbarer Verbrauchseinrichtungen. Ziel ist es, Netzanschlüsse für Wärmepumpen oder Wallboxen zu vereinfachen und gleichzeitig lokale Stromnetze stabil zu halten. Home-Energy-Management-Systeme spielen eine zentrale Rolle, da sie als intelligente Schnittstelle zwischen den steuerbaren Verbrauchseinrichtungen (Wärmepumpe, Wallbox, Speicher) im Haushalt und dem Netzbetreiber fungieren. Dafür müssen die Geräte jedoch herstellerübergreifend kommunizieren können
Dass die technische Umsetzung dabei noch Herausforderungen mit sich bringt, zeigt eine Studie unter Projektleitung von Thomas Haupt von der Hochschule Ansbach. Demnach unterstützen zwar bereits rund 70 Prozent der untersuchten HEMS grundlegende Funktionen wie PV‑Überschusssteuerung. Die herstellerübergreifende Interoperabilität bleibt jedoch häufig begrenzt, insbesondere dann, wenn Geräte verschiedener Anbieter kombiniert werden.
Fazit
Für Hersteller bietet die Veranstaltung von ElaadNL die Gelegenheit, frühzeitig zu prüfen, inwieweit ihre Systeme mit einem offenen, herstellerübergreifenden Energieökosystem kompatibel sind. Gleichzeitig vermittelt sie praktische Einblicke in die Standards, die künftige Zertifizierungsprozesse und Markterwartungen prägen könnten, da Energiesysteme für Privathaushalte zunehmend miteinander vernetzt werden.




