Optische Systeme und Photonik sind längst zu einer Schlüsseltechnologie moderner Industrien geworden. Eingesetzt werden sie in Quantentechnologien, nachhaltiger Mobilität oder in der Medizintechnik. Kaum ein technologischer Fortschritt kommt heute ohne Licht, Sensorik oder photonische Komponenten aus.
In der Serie „Gesichter der Innovation“ stellt Niederlande Nachrichten die Mitglieder des Programmrats von Holland High Tech vor. Diesmal im Fokus: Wilbert IJzerman, Programmratsmitglied für den Innovationsbereich Optische Systeme & Integrierte Photonik. IJzerman ist ein erfahrener Wissenschaftler sowie leitend für den Bereich industrielle Forschung und Entwicklung bei Signify.
„Spannende Dinge passieren derzeit in den Niederlanden, wenn es um Photonik geht“, sagt IJzerman – und meint damit weit mehr als ein einzelnes Technologiefeld.
Photonik als unsichtbare Schlüsseltechnologie
Optik und Photonik seien ein extrem breites Innovationsfeld, erklärt IJzerman. „Eine Welt ohne Photonik ist wie eine Welt ohne Luft. Man merkt erst, wie essenziell sie ist, wenn sie fehlt.“
Photonik findet sich heute in nahezu allen Industrien: in der Halbleiterfertigung etwa bei der präzisen Vermessung von Wafern, in der Landwirtschaft bei der Analyse von Pflanzenwachstum, in der Medizintechnik bei Bildgebung und Endoskopie oder in der industriellen Produktion durch optische Mess- und Sensorsysteme.
Diese Vielseitigkeit macht Photonik zu einer Schlüsseltechnologie, ohne die andere Innovationen nicht denkbar wären.
Niederländische Stärken: Systemkompetenz und integrierte Photonik
In den Niederlanden lässt sich das Innovationsfeld laut IJzerman grob in zwei Bereiche unterteilen. Zum einen gibt es die klassischen optischen Systeme, die historisch stark mit der niederländischen Systemtechnologie verbunden sind. Unternehmen wie Philips hätten hier früh Grundlagen gelegt, auf denen heutige Anwendungen aufbauen.
Zum anderen wachse derzeit ein besonders dynamisches Segment: integrierte Photonik. Noch macht sie weniger als ein Prozent des Gesamtmarkts aus, doch das Wachstum ist rasant. Vor allem in der Sensorik entstehen neue industrielle Anwendungen – und damit belastbare Geschäftsmodelle.
„Diese Technologie kommt gerade ins industrielle Reifestadium“, so IJzerman. Sichtbar werde das nicht nur durch eine wachsende Start-up-Landschaft, sondern auch durch Investitionen von über einer Milliarde Euro aus niederländischen Förderprogrammen.
Die heutige Stärke der Niederlande in optischen Systemen und photonischen Technologien baut dabei auf einer jahrzehntelangen industriellen Tradition auf. Insbesondere Philips legte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit Entwicklungen in Beleuchtung, Bildgebung und Systemtechnik die Grundlagen für das heutige niederländische Optik- und Photonik-Ökosystem.
Fragmentiertes Feld, gezielte Vernetzung
Gerade weil Photonik so vielfältig ist, sieht IJzerman eine zentrale Herausforderung in der Fragmentierung des Ökosystems. Ein konkreter Schritt dagegen ist das neue Masterplus-Programm Optics & Photonics, das Studierende verschiedener technischer Universitäten zusammenbringt. Ziel ist es, Wissen zu bündeln und den Nachwuchs frühzeitig mit industriellen Anwendungen zu verknüpfen.
Parallel wird an einer nationalen Optik-Konferenz gearbeitet. Bisher fehlt in den Niederlanden ein breit getragenes Forum, in dem Wissenschaft, Industrie und Verbände regelmäßig zusammenkommen. Perspektivisch soll ein solches Format bestehende Initiativen – etwa das Dutch Photonics Event – bündeln und das Ökosystem sichtbarer machen.
Nationale Technologiestrategie als Weichenstellung
Auch auf politischer Ebene steht das Thema weit oben auf der Agenda. Holland High Tech arbeitet derzeit intensiv an der Nationalen Technologiestrategie samt konkretem Aktionsplan. Hunderte Unternehmen, Hochschulen und Forschungseinrichtungen sind bereits eingebunden.
„Jetzt kommt die entscheidende Phase“, sagt IJzerman. „Welche Technologien bekommen künftig Priorität, und wo lohnt sich zusätzliche Investition?“
Die bisherigen Diskussionen hätten klar gezeigt, wo die Niederlande bereits stark aufgestellt sind – und wo gezielt nachgeschärft werden müsse. Diese Erkenntnisse fließen nicht nur in die Arbeit von Holland High Tech ein, sondern auch in neue Förderinstrumente des Wirtschaftsministeriums.
Warum Photonik auch für Deutschland zentral ist
Der Blick über die Grenze zeigt: Deutschland steht vor sehr ähnlichen Herausforderungen. Die deutsche Photonikbranche zählt mit hoher Exportquote, starken Weltmarktanteilen und hohen F&E-Investitionen zu den führenden Industriezweigen Europas. Gleichzeitig bleibt die Kommerzialisierung neuer photonischer und quantenbasierter Technologien hinter dem technisch Machbaren zurück.
Industrieverbände wie SPECTARIS fordern daher verlässliche, langfristige Förderstrukturen, industrielle Testumgebungen und Pilotlinien. Besonders deutlich wird: Nahezu alle Quantentechnologien basieren auf Photonik. Ohne leistungsfähige optische Komponenten, Sensorik und Lasersysteme lassen sich weder Quantenkommunikation noch Quantensensorik industriell skalieren.
Hier entstehen klare Anknüpfungspunkte zwischen Deutschland und den Niederlanden:
Während Deutschland über starke industrielle Abnehmermärkte, Produktionskompetenz und Maschinenbau verfügt, bringen die Niederlande ihre Systemintegration, Halbleiter- und Photonik-Expertise sowie Innovationsprogramme ein. Gemeinsame Testbeds, abgestimmte Förderlogiken und grenzüberschreitende Talentprogramme könnten helfen, Innovationen schneller in marktfähige Anwendungen zu überführen.
Fazit
Photonik und integrierte optische Systeme entwickeln sich zu einem strategischen Fundament für Schlüsselindustrien in Europa. Die niederländische Erfahrung zeigt, dass technologische Exzellenz allein nicht ausreicht: Entscheidend sind koordinierte Innovationsstrukturen, der frühzeitige Transfer in industrielle Anwendungen und eine enge Verzahnung von Forschung, Wirtschaft und Politik.
Dieser Artikel basiert auf einem zuvor auf IO+ in niederländischer und englischer Sprache veröffentlichten Interview.
Bildcredit: Angeline Swinkels | fotograaf




