Für Ton Peijnenburg, Mitglied des Programmrats von Holland High Tech (HHT) für Mechatronik und Optomechatronik sowie stellvertretender Geschäftsführer bei der VDL Enabling Technologies Group, ist die Mechatronik eine strategische Säule für niederländische Innovation. Von Landwirtschaftsrobotern, über Maschinen von ASML bis hin zum künftigen Einstein-Teleskop zeigen die Niederlande die wachsende Bedeutung dieser Disziplin im Herzen der Spitzentechnologie.
An der Schnittstelle von Maschinenbau, Elektrotechnik und Informatik verbindet die Mechatronik diese Disziplinen zu einem interdisziplinären Ingenieurfeld. Sie ermöglicht zahlreiche Innovationen in vielversprechenden europäischen Märkten: von der Agrartechnologie über die robotergestützte Chirurgie bis hin zu Halbleitern und Satellitenkommunikation. Kurz gesagt: Die Mechatronik prägt unseren Alltag. Deshalb hat die niederländische Regierung sie in ihrer neuen nationalen Technologiestrategie als Schlüsseltechnologie ausgewiesen. Holland High Tech fördert sektorübergreifende Innovationen durch strategische Programme und öffentlich-private Partnerschaften.
Mechatronik in den Niederlanden: Eine reiche Geschichte
Die ursprünglich aus Japan stammende Mechatronik hat sich in den Niederlanden dank des um Philips herum entstandenen Ökosystems fest etabliert. Peijnenburg, der in den 1990er Jahren bei dem in Eindhoven ansässigen Unternehmen beschäftigt war, wurde Zeuge der Entwicklung von CD und DVD. Damit Laser diese Datenträger lesen konnten, sei eine perfekte Abstimmung zwischen Mechanik, Elektronik und Steuerungstechnik erforderlich gewesen, erklärt er. Dieselben Prinzipien werden auch heute noch bei ASML angewendet. „Ihre Maschinen sind viel größer und weitaus komplexer, aber die zugrunde liegende mechatronische Philosophie bleibt dieselbe.“
Die Wertschöpfungskette der Mechatronik meistern
Eine starke Tradition der Innovation, kombiniert mit der typisch niederländischen flachen Führungskultur, hat ein dynamisches mechatronisches Ökosystem gefördert, das Start-ups und große Industrieunternehmen zusammenbringt.
Die Vielfalt der Branche ist in vielen Bereichen sichtbar: Im Agrartechnologiebereich revolutioniert beispielsweise das Start-up Trabotyx die Unkrautbekämpfung mit lasergestützten Robotern, die eine gezielte Behandlung ohne Pestizide ermöglichen. Im medizinischen Bereich entwickeln Unternehmen wie Preceyes Roboter, die Augenoperationen mit äußerster Präzision durchführen können. Diese Systeme können die natürlichen Mikrobewegungen der menschlichen Hand ausgleichen. Darüber hinaus zeichnen sich die Niederländer in der Optomechatronik aus, einer aufstrebenden Technologie mit bedeutendem messtechnischem Potenzial.
„Die Niederlande beherrschen die gesamte Wertschöpfungskette der Mechatroniksysteme“, betont Peijnenburg. ASML ist das Paradebeispiel: „Die Maschinen, die sie herstellen, können nirgendwo anders gebaut werden. Die gesamte Kette, vom Entwurf bis zur Lieferung, ist in den Prozess eingebunden.“
Niederländische Mechatronik im Herzen des Einstein-Teleskops
Dieses Fachwissen erstreckt sich auch auf die Grundlagenforschung. Die niederländische Mechatronik spielt eine Schlüsselrolle im europäischen Einstein-Teleskop-Projekt, einem künftigen Observatorium zur Detektion von Gravitationswellen.
Niederländische Unternehmen wie VDL und Cosine sind an diesem Großprojekt beteiligt, das große technologische Herausforderungen mit sich bringt. „Jeder Arm dieses Teleskops besteht aus riesigen Vakuumröhren. Um über solche Entfernungen ein tiefes und stabiles Vakuum aufrechtzuerhalten, ist extrem fortschrittliche Mechatronik erforderlich“, erklärt Peijnenburg. Die ultrapräzise Steuerung der integrierten Spiegel des Teleskops stellt eine weitere große Herausforderung dar. Seiner Meinung nach „stellen wir uns hier grundlegenden technologischen Herausforderungen, die Spin-offs für andere Hightech-Anwendungen generieren könnten.“
Verbindung zu Deutschland: Agritech, KI und gemeinsame Innovation
Auch auf europäischer Ebene ist das niederländische Mechatronik-Ökosystem eng mit Deutschland vernetzt. Insbesondere im Bereich Agrartechnologie und KI entstehen derzeit zahlreiche grenzüberschreitende Kooperationen.
So haben acht Partner aus Deutschland, den Niederlanden und Frankreich ein Memorandum of Understanding unterzeichnet, um die Entwicklung autonomer Agrartechnologien, KI-gestützter Landmaschinen und gemeinsamer Standards voranzutreiben. Beteiligt sind unter anderem das Agrotech Valley Forum sowie das Leibniz-Institut für Agrartechnik und Bioökonomie (ATB). Ziel ist es, Innovationen schneller in die Praxis zu bringen, etwa durch autonome Ernte- und Pflegesysteme sowie sichere, KI-basierte Maschinenlösungen.
Auch auf regionaler Ebene wird die Zusammenarbeit intensiviert: Das Agrotech Valley Forum in der Region Osnabrück und die niederländischen Wirtschaftsförderungen LIOF, BOM und Oost NL haben 2025 eine gemeinsame Absichtserklärung unterzeichnet. Im Fokus stehen dabei Robotik, künstliche Intelligenz und Präzisionslandwirtschaft – Felder, in denen beide Länder ihre Stärken gezielt bündeln.
Fazit:
Die Niederlande zeigen, wie leistungsfähig Mechatronik wird, wenn sie systematisch gedacht und vernetzt umgesetzt wird. Holland High Tech treibt als koordinierende Kraft Innovationen gezielt voran – von der Forschung bis zur industriellen Anwendung.
Gleichzeitig machen steigende Komplexität und Energieanforderungen deutlich: Die nächste Entwicklungsstufe liegt in noch intelligenteren, effizienteren Systemen. Genau hier wird Mechatronik zur Schlüsseltechnologie und zum verbindenden Element europäischer Zusammenarbeit.
Dieser Artikel basiert auf einem Interview, das zuvor auf Englisch auf IO+ veröffentlicht wurde.
Foto: Bart van Overbeeke Fotografie




