Halbleiter sind unsichtbar – und doch bestimmen sie den Takt moderner Technologie. Vom Smartphone bis zum autonomen Fahren bilden sie die Grundlage nahezu aller digitalen Anwendungen. Für Arco Krijgsman, Mitglied des Programmrats für Semiconductor Technologies bei Holland High Tech und verantwortlich für Innovationspartnerschaften bei ASML, steht fest: „Ohne Halbleiter wären viele Entwicklungen unserer Zeit schlicht unmöglich.“
Vernetzen statt isolieren: Die Rolle eines Technologie-Brückenbauers

Krijgsman beschreibt sich selbst als jemand, der Verbindungen schafft. Genau das ist auch seine Aufgabe im Program Council: Innovationsfelder zusammenführen, Synergien erkennen und Wissenstransfer zwischen Disziplinen ermöglichen. Ziel sei es, Projekte nicht isoliert zu betrachten, sondern als Teil eines größeren technologischen Gesamtsystems.
Halbleiter spielen dabei eine Schlüsselrolle. Sie stecken in Mikrofonen, Kameras, Computern oder Haushaltsgeräten und sorgen dafür, dass Technik effizienter, intelligenter und benutzerfreundlicher wird.
Ihre Bedeutung reicht weit über Unterhaltungselektronik hinaus:
„Chips sind entscheidend für Digitalisierung, Energiewende, Sicherheit und Gesundheit – also für die großen gesellschaftlichen Transformationen“, so Krijgsman.
Schlüsseltechnologie für Energiewende und Mobilität
Wie konkret dieser Einfluss ist, zeigt sich etwa in der Elektromobilität. Neue Halbleiter ermöglichen höhere Spannungen in Batteriesystemen, wodurch Fahrzeuge deutlich schneller laden können. Gleichzeitig steuern Chips Assistenzsysteme, die Spurhaltung, Abstandskontrolle oder perspektivisch autonomes Fahren ermöglichen. Ohne diese Komponenten wäre moderne Mobilität nicht denkbar.
Warum die Niederlande global mithalten und oft vorausgehen
International gilt die niederländische Halbleiterlandschaft als außergewöhnlich stark aufgestellt. Unternehmen wie ASML, NXP Semiconductors, ASM International oder BE Semiconductor Industries decken zentrale Teile der Wertschöpfungskette ab – von Chipdesign über Lithografie bis zur Produktionstechnologie.
Hinzu kommt eine besondere Kompetenz im Bereich Mess- und Analyseverfahren. Firmen wie Thermo Fisher Scientific entwickeln Elektronenmikroskope, mit denen sich Chips auf Nanometerskala untersuchen lassen. Diese Werkzeuge sind entscheidend, um Materialien zu analysieren, Prozesse zu optimieren und Innovationen schneller in die industrielle Fertigung zu überführen. Kurz gesagt: Die Niederlande verfügen über einen Halbleitersektor, der weltweit zur Spitzengruppe zählt.
Investitionen als strategischer Hebel
Trotz dieser starken Position sieht Krijgsman Verbesserungspotenzial. Derzeit investieren die Niederlande rund 2,3 % ihres Bruttonationaleinkommens in Innovation – weniger als mehrere andere europäische Länder. Besonders wichtig sei es deshalb, Rahmenbedingungen zu schaffen, die technologieorientierte Unternehmen anziehen und Wachstum erleichtern.
Gleichzeitig treiben die Niederlande europäische Kooperationen aktiv voran, etwa durch ihre führende Rolle in der Semicon-Coalition. Ziel dieser Initiative ist es, gemeinsam mit anderen Staaten Strategien und Investitionen zu entwickeln, um Europas Halbleitersektor resilienter und wettbewerbsfähiger zu machen.
Enge Verbindungen zwischen dem sächsischen und niederländischen Halbleiterökosystem
Auch aus deutscher Sicht ist die Zusammenarbeit mit den Niederlanden längst gelebte Praxis, und zwar auf mehreren Ebenen. Frank Bösenberg, Geschäftsführer von Silicon Saxony, beschreibt eine vielfältige Kooperation zwischen beiden Ländern.

Auf nationaler Ebene engagieren sich die Niederlande und Deutschland gemeinsam in Initiativen wie der europäischen Semicon Coalition. Auf regionalpolitischer Ebene arbeiten mehrere niederländische Provinzen mit Sachsen in der European Semiconductor Regions Alliance (ESRA) zusammen. Und auf Cluster-Ebene besteht seit 2012 eine enge Partnerschaft zwischen Silicon Saxony und Hightech NL im Rahmen von Silicon Europe.
„Im globalen Wettbewerb kann Europa nur gemeinsam bestehen. Genau deshalb funktioniert die Zusammenarbeit mit den Niederlanden so gut. Sie ist offen, pragmatisch und strategisch zugleich“, so Bösenberg.
Diese Partnerschaft zeigt sich auch ganz konkret: Vom 15. bis 17. Juni finden in Dresden die Silicon Saxony Days statt, ein wichtiges Event der sächsischen Halbleiterindustrie. Erwartet wird erneut eine niederländische Delegation, als ein sichtbares Zeichen der engen Vernetzung.
Parallel entsteht in Dresden derzeit ein weiterer Meilenstein europäischer Chipproduktion: das Joint Venture ESMC, getragen von TSMC, Bosch, Infineon und NXP. Die neue Fertigungsstätte stärkt nicht nur Sachsen als Halbleiterstandort, sondern unterstreicht auch die strategische Verflechtung zwischen deutschen und niederländischen Akteuren entlang der gesamten Wertschöpfungskette.
Innovation braucht Offenheit für Fehler
Zum Abschluss plädiert Krijgsman für eine Innovationskultur, die nicht nur Erfolge feiert, sondern auch aus Fehlversuchen lernt:
„Gerade aus Dingen, die schiefgehen, gewinnen wir wertvolle Erkenntnisse. Wenn man offen darüber spricht, beschleunigt das Innovation enorm.“
Sein Fazit: Technologischer Fortschritt entsteht dort am schnellsten, wo Wissen geteilt wird, Disziplinen zusammenarbeiten und ein Ökosystem entsteht, das Experimente zulässt.
Dieser Artikel basiert auf einem Interview, das zuvor auf Englisch auf IO+ veröffentlicht wurde.
Bildcredit Titelbild: Corina Ciocirlan / Canva




