Auf der Hannover Messe wird deutlich, wie fundamental wichtig die Hightech-Industrie für Europas wirtschaftliche Stärke, Widerstandsfähigkeit und strategische Autonomie ist. Themen wie Künstliche Intelligenz, Halbleitertechnologie, Robotik und automatisierte Produktionssysteme zeigen, wohin sich die Industrie in Europa entwickelt und gleichzeitig, unter welchem Druck sie steht, international wettbewerbsfähig zu bleiben.
In diesem Kontext äußert sich Theo Henrar, Präsident des niederländischen Unternehmerverbands für die Technologiebranche, FME, zur Rolle Europas und zur Bedeutung der Zusammenarbeit zwischen Deutschland und den Niederlanden. Für ihn steht fest: Die technologische Industrie ist nicht nur ein Wachstumstreiber, sondern entscheidend für die strategische Handlungsfähigkeit Europas.
„Ohne eine starke technologische Basis droht Europa, bei Schlüsseltechnologien von anderen Ländern abhängig zu werden“, so Henrar.
Zusammenarbeit als Voraussetzung für Innovation
Europa steht vor den Herausforderungen steigender Energiepreise, Fachkräftemangel, regulatorischer Hindernisse und unfairem Wettbewerb aus dem Ausland, der es Unternehmen erschwert, in Europa zu investieren.
Henrar sieht die fehlenden Investitionen dabei weniger als ein Innovationsproblem, sondern vielmehr als strukturelle Defizite: „Innovation ist nicht das Problem, es sind die Rahmenbedingungen.“ Hohe Kosten, fragmentierte Regulierung und langsame politische Entscheidungsprozesse bremsen die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industrie.
Mit zunehmender technologischer Komplexität wird Kooperation zur Voraussetzung für Fortschritt. „Technologische Entwicklung wird immer komplexer und kapitalintensiver. Kein Land kann die gesamte Wertschöpfungskette allein abdecken“, so Henrar.
Grenzüberschreitende Zusammenarbeit ermöglicht es, Stärken zu bündeln, Risiken zu teilen und Fragmentierung zu vermeiden, und wird damit zu einem entscheidenden Faktor für die globale Wettbewerbsfähigkeit Europas.
Deutschland und die Niederlande als gemeinsames Industrieökosystem
Eine besondere Rolle kommt dabei der deutsch-niederländischen Zusammenarbeit zu. Beide Länder sind sowohl wirtschaftlich als auch technologisch eng miteinander verflochten. Die Niederlande gelten als einer der größten Handelspartner Deutschlands, sowohl als Industriemarkt als auch als Innovationspartner. „Deutschland gilt weiterhin als industrielles Kraftzentrum Europas, während die Niederlande insbesondere in der Entwicklung von Hightech-Systemen, digitalen Technologien, Systemintegration und Smart-Manufacturing-Lösungen stark sind. Diese Kombination ist einzigartig und essenziell“, erklärt Henrar. „Niederländische Unternehmen sind oft agiler, anpassungsfähiger und flexibler in der Entwicklung von Innovationen. Deutsche Unternehmen hingegen bringen ihre tiefe Expertise zum Beispiel im Ingenieurswesen mit und die Fähigkeit, internationale Skalierung zu ermöglichen, um damit niederländische Innovationen auf dem globalen Markt zu implementieren.“
Gerade in Regionen wie Nordrhein-Westfalen und den angrenzenden niederländischen Industrieclustern zeigt sich, wie eng die Wertschöpfungsketten bereits heute miteinander verbunden sind.
Halbleiter als strategischer Schlüsselbereich
Wie konkret diese Zusammenarbeit aussehen kann, zeigte der Roundtable auf der Hannover Messe, an dem am 20.4.2026 Vertreter aus Industrie, Politik und Verbänden aus Deutschland und den Niederlanden teilnahmen. Gemeinsam mit Organisationen wie ZVEI sowie den Wirtschaftsministerien beider Länder wurde diskutiert, wie sich die europäische Halbleiter-Wertschöpfungskette stärken lässt: von der Forschung und Innovierung bis hin zur Skalierung von europäischen Produktionskapazitäten.
Dafür zentral sind starke Verbindungen zwischen der Industrie und politischen Entscheidungsträgern, um optimale Rahmenbedingungen zu schaffen für Investitionen, Skalierung und Gewinnung von Talenten. Ein wiederkehrendes Thema: die Komplexität und teilweise doppelte Regulierung innerhalb Europas, die Innovation und Wachstum erschwert.
Gerade im Kontext des geplanten EU Chips Act 2.0 wird deutlich, wie wichtig abgestimmte politische Maßnahmen sind, um die Wettbewerbsfähigkeit Europas langfristig zu sichern.
„Made in Europe – but also made with Europe“
Für Henrar ist klar: Die Zukunft der europäischen Industrie liegt nicht in Abschottung, sondern in einer strategisch gesteuerten Offenheit. Europa müsse in Schlüsseltechnologien wie etwa Halbleitern oder MedTech gezielt eigene Kompetenzen sichern, ohne sich vollständig vom globalen Markt abzukoppeln.
„Das bedeutet nicht, dass alles in Europa produziert werden muss, aber wir sollten in entscheidenden Bereichen strategisch relevant bleiben“, so Henrar.
Hinter dem Leitsatz „Made in Europe – but also made with Europe“ steht genau dieser Ansatz: eine Industrie, die ihre Stärken innerhalb Europas bündelt, gleichzeitig aber weiterhin in globale Wertschöpfungsketten eingebunden bleibt. Ziel ist es, Abhängigkeiten zu reduzieren, ohne die Vorteile internationaler Zusammenarbeit zu verlieren.
„Wir sollten nicht zu einem reinen Konsummarkt werden, der abhängig davon ist, was andere produzieren“, warnt Henrar.
Fazit:
Theo Henrars Fazit ist zugleich ein Appell: „Deutschland und die Niederlande verfügen über eine einzigartige Kombination aus Stärken, mit denen es gemeinsam möglich wird, Innovationen auf den Weg zu bringen, die industrielle Transformation zu unterstützen und Europas globale Position und Verteidungsfähigkeit zu stärken. Wenn wir unsere Kräfte bündeln, zusammen investieren und weitere starke Partnerschaften ausbauen, können wir gemeinsam in Technologiefeldern führen, die die Zukunft gestalten.”




