Der Investitionsdruck in der Halbleiterindustrie ist enorm und wird durch technologische Trends, staatliche Industriepolitik und geopolitische Ambitionen getrieben. Die USA, China, Taiwan und Japan investieren Milliarden in neue Fertigungskapazitäten und strategische Technologien. Europa versucht gegenzuhalten. Der geplante Chips Act 2.0 soll die Wettbewerbsfähigkeit sichern und technologische Abhängigkeiten reduzieren.
In diesem Kontext gewinnen die Niederlande weiter an Bedeutung. Der ehemalige ASML-CEO Peter Wennink hat eine umfassende Investitionsagenda vorgelegt. Parallel arbeitet die niederländische Regierung an einer neuen nationalen Technologiestrategie, deren Veröffentlichung für den 26. Januar erwartet wird. Ziel ist es, Schlüsseltechnologien, darunter die Halbleitertechnologie, langfristig abzusichern.
Niederländischer Hightech-Mittelstand unter Druck
Besonders stark betroffen sind mittelständische Unternehmen, die das Rückgrat der niederländischen Hightech-Industrie bilden. Steigende Kosten, komplexe Sicherheitsanforderungen, geopolitische Unsicherheiten und ein erschwerter Zugang zu Kapital prägen die Lage.
Dabei ist die Abhängigkeit Europas von niederländischer Halbleitertechnologie erheblich. Ohne die Innovationskraft der niederländischen Zulieferer, Ausrüster und Spezialisten wären viele europäische Wertschöpfungsketten nicht funktionsfähig – von der Automobilindustrie bis zur Industrieautomatisierung. Gerät dieses Ökosystem unter Druck, betrifft das den gesamten europäischen Markt.
Roundtable der niederländischen Halbleiter-Wertschöpfungskette
Vor diesem Hintergrund kam die gesamte niederländische Halbleiter-Wertschöpfungskette mit politischen Entscheidungsträgern zusammen. Ziel war es, das Investitionsklima zu verbessern und gemeinsam auf geopolitische Risiken zu reagieren.
Das Treffen fand bewusst in einem Reinraum beim Hightech-Zulieferer NTS in Eindhoven statt. Die Botschaft an die Politik war eindeutig: Halbleiterfertigung ist hochkomplex, kapitalintensiv und extrem sensibel gegenüber regulatorischen Rahmenbedingungen.




Organisiert wurde der Roundtable vom Industrieverband FME. Am Tisch saßen große OEMs, zahlreiche KMU und Zulieferer, Vertreter des Wirtschaftsministeriums, des Außenministeriums sowie Branchenorganisationen, darunter FPT und NEVAT. Diskutiert wurde eine zentrale Frage: Welche Industriepolitik braucht Europa, damit die Halbleiterindustrie wettbewerbsfähig bleibt und weiter wachsen kann?
Forderung nach wirtschaftlicher Sicherheit für den Halbleitersektor
Ein zentrales Ergebnis der Gespräche: Die Unternehmen fordern eine nationale Investitionsbank, die die gesamte Wertschöpfungskette der Halbleiterindustrie unterstützt. Ziel ist es, Skalierung, Industrialisierung und Produktivität langfristig abzusichern.
Ebenso wichtig sind klare und verlässliche Regeln bei Exportkontrollen und internationaler Zusammenarbeit. Nur so können Unternehmen in einem geopolitisch fragmentierten Markt wettbewerbsfähig bleiben.
Willem Wensing, Leiter Außenbeziehungen & Branchen bei FME, bringt es auf den Punkt:
„Ein enger öffentlich-privater Dialog ist notwendig, um wirtschaftliche Sicherheit zu erhöhen und Risiken frühzeitig zu adressieren.”
Auch die zunehmende geopolitische Dynamik spielte eine große Rolle. Unternehmen müssen heute strategische Entscheidungen treffen: Wo wird produziert? Welche Technologien dürfen exportiert werden? Und wie lassen sich Sicherheitsauflagen realistisch umsetzen? Die klare Forderung: Regulatorik muss die industrielle Realität widerspiegeln.
Niels Back (FME) fasst es so zusammen:
„Die Pläne liegen auf dem Tisch. Jetzt braucht es Umsetzungskraft. Denn die Wertschöpfungskette ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied und gerade KMU und Zulieferer verfügen über enorme Innovationskraft.”
Öffentlich-private Partnerschaften als Strukturprinzip
Die niederländische Regierung setzt dabei klar auf öffentlich-private Zusammenarbeit. Ein zentrales Instrument ist das Semicon Board NL, gegründet im März 2025. Das Konsortium erarbeitet aktuell eine Branchenagenda 2035 und vereint zentrale Akteure von ASML bis VDL ETG.
Ergänzt wird dies durch das ChipNL Competence Centre (CCC), das die Vernetzung innerhalb der Wertschöpfungskette fördert und den Zugang zu Wissen, Netzwerken und Kooperationen erleichtert.
Warum das Thema auch für Deutschland entscheidend ist
Auch Deutschland investiert massiv in die Halbleiterindustrie. Neue Standorte wie die ESMC-Fabrik in Dresden unterstreichen den strategischen Anspruch. Deutschland steht vor ähnlichen Herausforderungen wie die Niederlande. Fragmentierte Förderlogiken, lange Genehmigungsverfahren, Fachkräftemangel und eine hohe Abhängigkeit von asiatischen Lieferketten dämpfen die Innovationskraft.
Technologisch ergänzen sich beide Länder stark. In Sachsen befindet sich eines der leistungsfähigsten Fertigungscluster Europas mit Akteuren wie GlobalFoundries, TSMC, Bosch und Infineon. In der niederländischen Brainport-Region wiederum sitzt die weltweit führende Ausrüster- und Zulieferlandschaft mit ASML, NXP und über 200 Hightech-KMU.
Für beide Länder ist eine engere Zusammenarbeit also strategisch relevant. Deutschland profitiert vom Zugang zu kritischem Equipment und technologischer Exzellenz. Die Niederlande wiederum sind darauf angewiesen, dass europäische Fertigungskapazitäten wachsen, um ihre technologische Führungsrolle langfristig abzusichern.
Der Wennink-Bericht als strategischer Referenzpunkt
Der Bericht von Peter Wennink, dem ehemaligen CEO von ASML, verleiht diesen Forderungen strategisches Gewicht. Im Auftrag der niederländischen Regierung analysiert er auf über 160 Seiten, wie die Niederlande ihre wirtschaftliche Ertragskraft und technologische Relevanz langfristig sichern können.
Wennink empfiehlt, gezielt in prioritäre Schlüsseltechnologien zu investieren – darunter ausdrücklich die Halbleiterindustrie. Dabei hebt er die besondere Struktur des niederländischen Ökosystems hervor: eine Kombination aus globalen Leitunternehmen wie ASML und hoch spezialisierten Mittelständlern, etwa im Bereich Messtechnik oder Präzisionsfertigung.
Zugleich warnt der Bericht vor einem schleichenden Verlust an Innovationsdynamik. Trotz einer weiterhin starken Ausgangsposition verlieren die Niederlande international an relativer Bedeutung. Um gegenzusteuern, fordert Wennink deutlich höhere öffentliche und private Investitionen, den Aufbau einer nationalen Investitionsbank sowie eine stärkere europäische Vernetzung der niederländischen Innovationsökosysteme.
Deutschland spielt dabei eine wichtige Referenzrolle. Wennink verweist mehrfach auf die deutsche Industrie- und Energiepolitik und sieht in einer engeren deutsch-niederländischen Zusammenarbeit einen Hebel, um technologische Souveränität auf europäischer Ebene zu sichern.
Ausblick: Koordination statt Einzelinitiativen
Mit der anstehenden nationalen Technologiestrategie der Niederlande und der europäischen Debatte um den Chips Act 2.0 steht die Halbleiterindustrie an einem Wendepunkt. Die Niederlande setzen auf Koordination, öffentlich-private Partnerschaften und europäische Vernetzung.
Für Deutschland und für Europa ist klar: Technologische Souveränität entsteht nicht national, sondern im Verbund leistungsfähiger Ökosysteme.
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