ElaadNL hat seinen neuen „V2G Implementation Guide“ veröffentlicht – einen praxisnahen Leitfaden, der europäischen Kommunen, Netzbetreibern und Herstellern helfen soll, Vehicle-to-Grid (V2G) schneller, sicherer und interoperabel auszurollen.
Die Niederlande gehören zu den weltweit führenden Ländern beim bidirektionalen Laden. Mit dem neuen Report wird klar: Die Technologie steht kurz vor dem breiten Markteintritt – doch Standards, Normen und klare regulatorische Vorgaben entscheiden darüber, ob sie sich auch wirklich durchsetzt.
Warum V2G jetzt ein europäisches Zukunftsthema ist
V2G gilt als Schlüsseltechnologie für die Energiewende. Elektroautos können nicht nur Strom aufnehmen, sondern auch wieder in das Netz einspeisen. Damit unterstützen sie lokale Netze, senken Spitzenlasten und können in Zukunft Einnahmen für die Fahrzeughalter generieren.
Doch für diese Vision braucht es klare Regeln. „Technisch sind wir fast bei Perfektion angekommen. Aber ohne Standards und interoperable Normen wird die Technologie den Markt nicht erreichen“, erklärt Baerte de Brey, Chief International Officer bei ElaadNL.
Heute fehlen europaweit einheitliche Zertifizierungen. Das erschwert die Zulassung von bidirektionalen Fahrzeugen und Ladesäulen – und bremst die Akzeptanz bei Verbrauchern und Flottenbetreibern.
De Brey: „Wenn ein Fahrzeug nicht interoperabel ist, verliert es an Wert. Ein V2G-Auto, das nur in einem Land funktioniert, ist plötzlich nur noch ein normales Elektroauto.“ Interoperabilität sorgt also nicht nur für Sicherheit im Netz – sie steigert auch den Wiederverkaufswert von Fahrzeugen und macht Investitionen planbar.
Double Energy Taxation: Ein Hindernis für die Wirtschaftlichkeit
Ein zweites zentrales Problem ist die aktuelle steuerliche Behandlung in vielen EU-Ländern:
Wird ein Elektroauto entladen – etwa zur Netzstabilisierung – und später erneut geladen, fällt mehrfach Energiesteuer an.
„Doppelte Energiebesteuerung zerstört den Business-Case. Wer mehrmals am Tag lädt und entlädt, wird mehrfach belastet.“ Der Report empfiehlt daher eine Anpassung der Steuerpolitik, um die Nutzung von V2G wirtschaftlich attraktiv zu gestalten – in den Niederlanden und darüber hinaus.
Pilotprojekte in den Niederlanden: Von Utrecht Energized bis zur bidirektionalen Busflotte
Die Niederlande gelten als Pionierland für V2G-Praxisanwendungen. In Utrecht läuft bereits das Projekt „Utrecht Energized“ – doch noch beeindruckender ist der Schritt des Netzbetreibers Stedin.
„Wir haben eine Flotte von 2200 Fahrzeugen für unsere Ingenieure und Techniker“, erklärt de Brey. „Wir nennen das ‚Practice what you preach‘.“ Seit Januar 2024 haben die 40 größten niederländischen Städte Umweltzonen eingeführt. Neue Nutzfahrzeuge und Busse müssen emissionsfrei sein. Stedin geht nun weiter: „Wir kaufen nächstes Jahr 100 bis 200 bidirektionale Nutzfahrzeuge.“
Der Start erfolgt in Utrecht und Vianen, später sollen Delft, Rotterdam und Goes folgen. „Wenn es ein Erfolg wird, rollen wir es in allen Provinzen aus, die wir betreuen.“
Was Deutschland und Frankreich vom niederländischen Ansatz lernen können
Während in Deutschland und Frankreich noch viel diskutiert wird, machen die Niederlande Tempo. Ein entscheidender Grund ist ihre pragmatische Herangehensweise. Statt eigene nationale Normen zu entwickeln, erkennen niederländische Behörden Zertifikate aus Deutschland, Frankreich und Belgien an („Cross recognition”). Für Hersteller bedeutet das: weniger Kosten, weniger Bürokratie, schnellere Markteinführung.
Während die EU von oben herab versucht zu regulieren, zeigen niederländische Projekte, wie Bottom-up-Lösungen die tatsächlichen Herausforderungen adressieren: Registrierung, Abrechnung, Netzrückmeldung, Sicherheit, Wartungsprozesse.
Fazit: Der neue ElaadNL Implementation Guide setzt ein Signal
Der Leitfaden beantwortet genau die Fragen, die Praktiker wie Kommunen, Netzbetreiber und Installateure jetzt stellen: Wie registriere ich bidirektionale Ladestationen? Welche Zertifikate brauche ich? Wie funktioniert die Abrechnung? Damit liefern die Niederlande nicht nur Technologie, sondern auch das Handbuch für ihre Einführung – in Europa und darüber hinaus.




