Herausforderungen wie der Fachkräftemangel, steigende Kosten, der demografische Wandel und der hohe Druck, Kliniken, Praxen und Pflege zu digitalisieren, zwingen Deutschland zum Handeln. Besonders die Frage, wie Innovationen schneller in die Praxis gelangen können, ist dringend. Denn digitale Anwendungen, Medizintechnik und pharmazeutische Innovationen müssen im Versorgungsalltag funktionieren, Fachkräfte entlasten und Patienten konkret zugutekommen.
Genau an dieser Stelle wird der Blick in das westliche Nachbarland interessant. Deutsche Unternehmen, Gesundheitsorganisationen sowie Forschungseinrichtungen finden in den Niederlanden passende Partner. Aktuelle Herausforderungen im deutschen Gesundheitswesen könnten durch durch grenzüberschreitende Kooperationen angegangen werden.
Ökosystem für Life Sciences & Health: nah, spezialisiert, agil
Das niederländische Ökosystem für Life Sciences & Health (LSH) ist ein dichtes und innovatives Netzwerk aus Universitäten, Forschungseinrichtungen und Gesundheitsanbietern, über 3000 Unternehmen sowie zahlreichen Science Parks und acht Universitätskliniken.
Die enge geografische Konzentration bietet den Vorteil, dass neue Lösungen in den Niederlanden nicht isoliert im Labor entstehen, sondern früh in die Praxis überführt werden. Der sogenannte „Quadruple-Helix-Ansatz“ bringt Forschung, Unternehmen, staatliche Institutionen und Patienten früh zusammen. Die Niederlande sind damit ein Testfeld und Sprungbrett für medizinische Innovationen.

Mit mehr als 1.200 neuen Patenten pro Jahr zählt das niederländische LSH-Ökosystem zu den führenden Clustern Europas. Zudem hat die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) ihren Sitz seit März 2019 in Amsterdam.
Ein zentrales Finanzierungsinstrument ist die PPP-Innovationssubvention von Health~Holland. Sie bringt öffentliche Förderung und private Investitionen zusammen und soll genau jene Kooperationen zwischen Unternehmen und Forschung ermöglichen, die wissenschaftliche Erkenntnisse in marktfähige und praktisch nutzbare Lösungen überführen. Health~Holland führt mehr als 40 öffentlich-private Partnerschaften und 700 F&E-Projekte auf. Darüber hinaus investiert die niederländische Regierung über sieben nationale Wachstumsfonds, deren Schwerpunkt auf Innovationen im Gesundheitswesen liegt, mehr als 800 Millionen Euro in die beschleunigte Markteinführung neuer Lösungen im Gesundheitswesen.
Führend in Medtech und Digital Health
Innerhalb dieses breiten Ökosystems sind für den deutschen Markt derzeit insbesondere zwei Bereiche relevant: MedTech und Digital Health. Sie adressieren zentrale Herausforderungen wie die Digitalisierung der Versorgung, den Fachkräftemangel, effizientere klinische Prozesse sowie die Entwicklung und Skalierung neuer Medizintechnik.
Gerade im Bereich Digital Health gehören die Niederlande international zu den Vorreitern. Im World Index of Healthcare Innovation 2024 erreicht das Land Platz vier und im Bereich Wissenschaft und Technologie Platz fünf, unter anderem aufgrund der breiten Nutzung digitaler Technologien im Gesundheitswesen. Digitale Lösungen sind dabei vielfach bereits Teil der Versorgung: Die Niederlande verfügen über eine weit entwickelte Gesundheitsdaten-Infrastruktur und eine stark digitalisierte Primärversorgung. Telemedizin, digitale Gesundheitsanwendungen und der sichere Austausch von Patientendaten werden gezielt weiterentwickelt und in bestehende Versorgungsstrukturen eingebunden.
Im Bereich Medtech sind die Niederlande eng mit Bereichen verbunden, in denen das Land traditionell stark ist, wie Präzisionsmaschinenbau und Mikrosystemtechnik, Halbleiter– und Photoniktechnologien, Robotik, KI, Bildgebung und die hochpräzise Fertigung sowie Systemintegration. Innovationen werden praxisnah entwickelt. Ärzte, Ingenieure und Forschende arbeiten interdisziplinär an früher klinischer Validierung.
LSH-Hubs mit unterschiedlichen Stärken
In den Niederlanden befinden sich mehrere spezialisierte LSH-Hubs an verschiedenen Standorten:
Leiden
Rund um den Leiden Bio Science Park befindet sich der größte Life-Sciences-Standort der Niederlande. Auf dem Campus sind mehr als 500 Organisationen angesiedelt, darunter Unternehmen, Biotech-Start-ups, Scale-ups, Forschungsinstitute und globale Unternehmen wie Janssen und DuPont. Mit der Universität Leiden und dem Universitätsklinikum Leiden (LUMC) im Zentrum treibt der Park Entwicklungen in Biotechnologie, Wirkstoffentwicklung, ATMPs, Impfstoffen, Diagnostik und regenerativer Medizin voran.
Utrecht
Am Utrecht Science Park arbeiten unter anderem die Universität Utrecht, das Universitätsklinikum Utrecht (UMC Utrecht) sowie weitere Forschungsinstitute wie das Hubrecht Institut, das Princess-Máxima-Center, das RIVM und Unternehmen eng zusammen. Schwerpunkte sind unter anderem personalisierte Medizin, regenerative Medizin, Stammzellforschung, bildgesteuerte Eingriffe und Präzisionslösungen sowie der Einsatz von KI und datenbasierten digitalen Anwendungen im Gesundheitswesen, z.B. im Bereich Diagnostik und Telemonitoring. Start-ups und Scale-ups aus Utrecht zeigen die Bandbreite für digitale, datenbasierte und automatisierte Gesundheitslösungen: Cordys steht für KI-gestützte EKG-Analyse, Linksight für den datenschutzkonformen Austausch von sensiblen Gesundheitsdaten, CryoCloud entwickelt eine Cloud-Lösung für die Kryo-Elektronenmikroskopie, Luscii steht für Gesundheitsversorgung mittels Monitoring von zu Hause und Vitestro bietet Lösungen für die autonome robotergestützte Blutabnahme.


Nijmegen
In Nijmegen wird medizinische Spitzenforschung mit Hightech und praktischer Anwendung verbunden. Am Noviotech Campus befinden sich Reinräume und Labore für Unternehmen und Forschungsinstitute. Zusammen mit Radboud University, Radboud University Medical Center (Radboudumc) und der HAN University of Applied Sciences arbeiten Unternehmen hier an neuen Technologien für Diagnostik, Medizintechnik, digitale Gesundheit und Medikamentenentwicklung.
Oss
Oss ist ein historisch gewachsener Pharmastandort und mit dem Pivot Park besonders auf biopharmazeutische Entwicklung ausgerichtet. Dort sind mehr als 60 Life-Sciences-Unternehmen angesiedelt; der Standort bietet unter anderem Screening-Infrastruktur, Labore, pharmazeutische Entwicklungsleistungen sowie Partner für GMP-Herstellung.
Amsterdam
Amsterdam ergänzt das Netzwerk als Standort von Amsterdam UMC, Amsterdam Life Sciences District, Amsterdam Science Park und der Europäischen Arzneimittel-Agentur EMA. Die Region verweist auf mehr als 300 Life-Sciences-Unternehmen und ein Umfeld aus Universitäten, medizinischen Zentren, Forschungseinrichtungen, Start-ups und internationalen Konferenzen.
Brainport Eindhoven
Die Region Brainport Eindhoven ist ein Hightech-Ökosystem mit starker MedTech-Komponente. Die Region ist geprägt durch Medizintechnik, Robotik, intelligente Diagnostik, smarte Umgebungen und technische Lösungen für medizinische Anwendungen. In der Region befinden sich mehr als 250 MedTech-Unternehmen, die gemeinsam mit öffentlichen Akteuren und Wissensinstituten an neuen Gesundheitslösungen arbeiten. Innovationen wie etwa hautfreundliche Wearables für Frühchen, entwickelt von Bambi Medical, Robotik für die Mikrochirurgie (Microsure) sowie regenerative Biomaterialien nach Brustkrebstherapie (VivArt-X) stammen aus der Region.
Zusammen decken diese Standorte unterschiedliche Teile der Innovationskette ab: von Forschung und Entwicklung über digitale Gesundheitslösungen und Medizintechnik bis hin zu klinischer Anwendung, Validierung und industrieller Herstellung. Damit entsteht ein Ökosystem, das für Deutschland besonders dort interessant ist, wo Innovation nicht nur entwickelt, sondern schneller erprobt, angepasst und in größere Strukturen überführt werden soll.
Niederländische Agilität trifft auf deutsche Skalierung

Interessant für Deutschland ist nicht allein der Zugang zu neuen Technologien. Vor allem die Kombination aus niederländischer Agilität und deutscher Skalierungsfähigkeit schafft einen besonderen Mehrwert.
Ein konkretes Beispiel für die deutsch-niederländische Zusammenarbeit ist die Innovationspartnerschaft zwischen Noord-Brabant und Baden-Württemberg, die im Juni 2025 besiegelt wurde. Diese umfasst unter anderem Schlüsselbereiche wie personalisierte Medizin, Medizintechnik und Biowissenschaften sowie Digitalisierung und künstliche Intelligenz. Mit dem Ziel, nicht nur den Wissensaustausch zu fördern, sondern auch gemeinsame Projekte zu initiieren, europäische Fördermittel besser zu nutzen und Innovationen schneller zur Marktreife zu bringen, arbeiten die Regionen eng zusammen.
Dr. Claudia Luther, Leiterin der BIOPRO Baden-Württemberg GmbH, sieht den grenzüberschreitenden Austausch, etwa auf der Medica, hierfür als wichtigen Baustein. „Ich denke, dass Baden-Württemberg und Nord-Brabant sehr viele komplementäre Stärken aufweisen, insbesondere im Bereich der Life Sciences und Medizintechnik.”
Zugang zum niederländischen Innovationsökosystem
Ein nächster Kontaktpunkt für deutsche Unternehmen und Forschungspartner, um mit dem niederländischen LSH-Ökosystem in Kontakt zu kommen, ist das Event LEVEL UP, das am 28. September in Eindhoven stattfindet. Hier kommen Start-ups, Scale-ups, Investoren, Unternehmen und Innovationspartner aus den Bereichen Life Sciences & Health zusammen. Interessierte Organisationen können sich hier anmelden.
Die Relevanz für das deutsche Gesundheitswesen
Bewährte niederländische Innovationen mit Schwerpunkt auf Digitalisierung und Effizienz sind bereit für den Einstieg in das deutsche Gesundheitswesen. Die Innovationen werden von oder gemeinsam mit Klinikern entwickelt und verfügen über eine MDR-Zertifizierung, eine CE-Kennzeichnung sowie die Einhaltung von ISO-Normen; zudem ist ihre Umsetzung in den täglichen Abläufen des Gesundheitswesens erprobt.
Außerdem können die Niederlande für deutsche Unternehmen, Kliniken und Forschungseinrichtungen ein konkreter Umsetzungspartner sein. Das breite LSH-Ökosystem liefert dafür die Grundlage; besonders in MedTech und Digital Health entstehen konkrete Kooperationsmöglichkeiten für deutsche Partner. Der agile, regionale und spezialisierte Ansatz bringt Forschung, Start-ups und klinische Praxis früh zusammen und erleichtert so den Transfer neuer Lösungen in die Anwendung. Auf Events wie der Medica oder LEVEL UP können beide Länder sich begegnen und gezielt miteinander ins Gespräch kommen.
Bildcredit Titelbild: Image by Gerd Altmann from Pixabay, Noviotech Campus: Kadans, Utrecht Science Park



