Seit dem 1. Januar 2025 ist Peter Stolk Vorsitzender von Holland High Tech – dem niederländischen Spitzensektor für Hightech-Systeme und Materialien (HTSM). Im Interview mit Niederlande Nachrichten erklärt er, was den niederländischen Innovationsansatz auszeichnet, welche Chancen in der Zusammenarbeit mit Deutschland und Frankreich liegen und warum regionale Ökosysteme Europas technologische Zukunft prägen könnten.
Herr Stolk, was ist Ihre zentrale Botschaft an deutsche und französische Partner – was macht den niederländischen Hightech-Sektor besonders?
„Die Niederlande sind klein und stark vernetzt. Unternehmen, Universitäten und Forschungseinrichtungen arbeiten hier auf engem Raum zusammen – oft mit flachen Hierarchien und einer offenen, respektvollen Kultur. Man kennt sich, spricht miteinander – vom Ingenieur bis zum C-Level.
Unser Hightech-Sektor profitiert davon enorm. Er basiert auf dem sogenannten Triple-Helix-Modell: Wirtschaft, Forschung und Regierung ziehen gemeinsam an einem Strang. Diese Struktur fördert zielgerichtete Innovation – mit konkretem Nutzen für Gesellschaft und Wirtschaft. Die Regierung unterstützt das aktiv durch spezialisierte Förderprogramme innerhalb der neun Topsektoren, darunter auch Hightech.
Ein gutes Beispiel ist ASML: Die Entwicklung dieser hochkomplexen Maschinen war nur möglich durch ein dichtes Netz aus Zulieferern, Forschungsinstituten und industriellen Partnern – insbesondere rund um Eindhoven.“
Wo sehen Sie strategische Chancen für eine engere Zusammenarbeit im Bereich Technologie und Innovation mit Deutschland und Frankreich?
„Wir haben mit beiden Ländern bereits wichtige Innovationspakte geschlossen. Mit Deutschland lag der Fokus auf resilienten Lieferketten, CO₂-Reduktion, Industrie 4.0 und nachhaltiger Mobilität. Mit Frankreich konzentrieren wir uns auf nachhaltige Mobilität und Energie, und darüber hinaus stehen enge Kooperationen in wichtigen Schlüsseltechnologiebereichen im Mittelpunkt: Halbleiter, Photonik und Quantenforschung.
Diese Themen sind aktueller denn je – durch geopolitische Spannungen, technologische Abhängigkeiten und den Ruf nach europäischer Souveränität. Europa muss unabhängiger werden, sei es bei Infrastruktur, KI oder Energietechnologien wie Wasserstoff. Auch demografische Faktoren – etwa Fachkräftemangel – erhöhen den Druck.
Technologie ist dabei der Hebel für den Wandel. Die gute Nachricht: Die Vertrauensbasis zwischen unseren Ländern ist stark. Daraus sollten wir eine vertiefte, strategische Kooperation aufbauen.“
Wie positionieren sich die Niederlande zwischen diesen beiden Industrienationen?
„Die französische Regierung verfolgt eine Top-Down-Strategie, die konsequent auf strukturierte Systeme und eine zentral gesteuerte Förderpolitik setzt. Deutschland punktet mit starken Netzwerken, besonders im Automobilsektor, und einer tief verankerten Prozessorientierung entlang der gesamten Wertschöpfungskette.
Die Niederlande sind anders. Wir sind kein High-Volume-Produktionsland im klassischen Sinn. Unsere Stärke liegt in der High-Mix-Low-Volume-Fertigung – also in hochgradig maßgeschneiderten, oft hochspezialisierten Nischen-Lösungen. Das macht uns zum idealen Ergänzungspartner.“
Welche Rolle spielen regionale Ökosysteme wie die Brainport-Region oder Twente für die europäische Positionierung des niederländischen Hightech-Sektors?
„Regionale Innovationsökosysteme sind in den Niederlanden essentiell. Holland High Tech setzt auf nationaler Ebene die Technologie-Agenda mit bestimmte Schlüsseltechnologien. Vor Ort sorgen regionale Entwicklungsagenturen wie die BOM in Brabant oder OostNL in Twente für die Umsetzung.
Ob Quantenforschung in Delft oder Halbleiter in Eindhoven: Die Regionen bringen ihre spezifischen Stärken ein und stimmen sich eng mit der nationalen Technologie-Strategie ab. Diese Dezentralität macht uns flexibel und anpassungsfähig – ein Modell, das auch für Europa relevant sein kann.“
Wie wichtig ist die Beteiligung an europäischen Konsortien wie IPCEI oder Horizon Europe?
„Europäische Konsortien sind besonders wichtig, weil die Niederlande zu klein sind, um komplette technologische Wertschöpfungsketten alleine abzubilden. Deshalb fokussieren wir uns auf sogenannte „Kontrollpunkte“ – strategisch wichtige Teile innerhalb der Kette, wo wir echten Mehrwert bieten können.
Europäische Konsortien ermöglichen uns, diese Stärken gezielt einzubringen, um Autonomie für uns und unsere europäischen Partner zu schaffen. Ohne sie wären wir isoliert. Gerade angesichts globaler Unsicherheiten – Ressourcenknappheit, Handelskonflikte, technologische Abhängigkeiten – bleibt Zusammenarbeit auf EU-Ebene entscheidend.“
Welche technologischen Chancen aus der niederländischen Technologiestrategie sehen Sie als besonders geeignet für grenzüberschreitende Zusammenarbeit – etwa in KI, Photonik oder Chiptechnologie?
„Wir sehen das größte Potenzial in Zukunftstechnologien wie integrierter Photonik, Quantentechnologie oder neuen Energiematerialien. Hier ist es entscheidend, frühzeitig grenzüberschreitende Kooperationen aufzubauen – zwischen Forschung, Start-ups und Industrie.
Während Halbleiter etabliert sind, bieten diese neuen Felder noch viel Spielraum für europäische Spitzenpositionen. Auch bei KI und Cybersicherheit müssen wir als EU gemeinsam handeln – vor allem mit Blick auf geopolitische Spannungen und Cyberrisiken.“

Wie stellt Holland High Tech sicher, dass Innovationen auch zu den Bedürfnissen deutscher und französischer Industrien passen?
„Indem wir Projekte mit privaten und öffentlichen Partnern zum Standard machen. Jedes geförderte Projekt muss private Partner enthalten – etwa Unternehmen, die auch eigenes Geld investieren. So stellen wir sicher, dass die Forschung markt- und bedarfsnah bleibt.
Etwa 50 Millionen Euro öffentliche Mittel fließen jährlich gezielt in technologische und gesellschaftliche Herausforderungen über unsere Top Sektoren. Das System ist einfach, aber effektiv – weil es Nähe zur Praxis schafft und gleichzeitig Forschung fördert.“
Was sind die größten Hürden für niederländische Hightech-Unternehmen beim Eintritt in größere Märkte?
„Eine zentrale Herausforderung ist die Skalierung. Viele unserer Unternehmen sind technologisch exzellent, aber klein. Für den Eintritt in Märkte wie Deutschland oder Frankreich braucht es Know-how zu regulatorischen Rahmenbedingungen, Ausschreibungsprozessen – und viel Geduld.
Hinzu kommt: Die niederländische Investitionskultur ist eher risikoavers. Mehr als 80 % der Startup-Finanzierung kommt von Banken, die kaum ins Risiko gehen. Gute Ideen scheitern oft, weil es an frühem Wachstumskapital fehlt. Hier können wir von Frankreich und Deutschland lernen – und natürlich auch von europäischen Initiativen, die gezielt Hightech-Startups und -Scale-ups stärken.“
Herr Stolk, was ist Ihre persönliche Rolle in diesem Prozess?
„Ich sehe mich als Brückenbauer. Meine Aufgabe ist es, Innovation sichtbar zu machen – nicht nur als Technologie, sondern auch als Haltung: offen, kooperativ, lösungsorientiert. Gleichzeitig will ich Menschen und Ideen verbinden – über Grenzen hinweg.
Ich möchte Impulse geben: durch Beratung, durch öffentliche Auftritte, durch klare Kommunikation. Europas Stärke liegt im Miteinander. Und die Niederlande können hier Impulsgeber und verlässlicher Partner zugleich sein.“




