Grüner Wasserstoff gilt als Schlüsseltechnologie für die Energiewende – und die Niederlande arbeiten mit Hochdruck daran, Lösungen vom Labor in die industrielle Anwendung zu bringen. Wie breit die Aktivitäten bereits aufgestellt sind, zeigt ein Blick auf die Arbeit von Michiel Dorrepaal, Mitglied des Programmrats Energy Materials bei Holland High Tech und Senior Systems Architect bei VDL Hydrogen Systems.
Dorrepaal befasst sich seit Jahren mit der Frage, wie sich Wasserstoff möglichst effizient produzieren lässt. „Ich habe schon als Kind Dinge auseinandergenommen – und eigentlich nie damit aufgehört“, sagt er. Diese Neugier treibt ihn bis heute an: „Wenn man offen an Probleme herangeht, findet man immer mehrere Lösungswege.“
Die technologischen Weichen werden neu gestellt
Am 26. Januar 2026 wurde die neue nationale Technologiestrategie (NTS) der Niederlande vorgestellt. Dabei werden Technologien priorisiert, die einen wesentlichen Beitrag zur Ertragskraft leisten, entscheidend für gesellschaftliche Herausforderungen und die nationale Sicherheit sind, sowie die niederländische Technologieführerschaft ermöglichen. Diese Ziele werden in zehn Aktionsagenden konkretisiert, die beschreiben, wie sie umgesetzt werden können. Geplant sind 53 groß angelegte, mehrjährige Innovationsprogramme mit einem Gesamtinvestitionsvolumen von über 14 Milliarden Euro.
Die zehn Aktionsagenden zeigen deutlich, welche technologischen Durchbrüche, Anwendungen und Ökosysteme erforderlich sind, um die strategische Position und Ertragskraft der Niederlande zu stärken und die Stellung von Start-ups, Scale-ups, KMUs und Großunternehmen zu festigen.
Innovative Materialien als Grundlage der Energiewende
In der Aktionsagenda Energy Materials stehen genau diese Lösungswege im Mittelpunkt. Der Fokus liegt auf Materialien, die für die Erzeugung, den Transport, die Speicherung und die Umwandlung erneuerbarer Energie notwendig sind. Denn Strom aus Wind, Sonne oder Geothermie steht nicht immer dann zur Verfügung, wenn er gebraucht wird.
„Wir müssen grüne Energie speichern können – etwa über Nacht oder im Winter – und sie später wieder in Strom oder Wärme umwandeln“, erklärt Dorrepaal. „Genau dafür schaffen wir die materialtechnischen Grundlagen.“ Ziel sei es, erneuerbare Energie jederzeit zuverlässig nutzbar zu machen.
Wasserstoffpilotprojekte von Megawatt bis Gigawatt
In den Niederlanden laufen derzeit zahlreiche Wasserstoffprojekte in unterschiedlichen Größenordnungen. Bei VDL Hydrogen Systems arbeitet das Team an einem 15-Megawatt-Elektrolyseur. Parallel dazu entstehen andernorts Anlagen mit Leistungen von bis zu 100 Megawatt. Langfristig, so Dorrepaal, werde jedoch ein ganz anderes Niveau benötigt: „Am Ende reden wir über viele Gigawatt an Wasserstoffkapazität. Dafür müssen wir jetzt konsequent skalieren.“
Neben Wasserstoff gewinnt auch Wärmespeicherung an Bedeutung. Ein Beispiel sind unterirdische Aquiferspeicher, in denen Wärme in wasserführenden Gesteinsschichten gespeichert und später wieder genutzt wird. In Amsterdam werden solche Systeme bereits eingesetzt, um Haushalte mit Wärme zu versorgen.
Bei seiner Arbeit bei VDL Hydrogen Systems blickt Michiel Dorrepaal besonders stolz auf den aktuell getesteten Prototyp eines Elektrolyseurs. „Der Moment, in dem nach langer Entwicklungsarbeit erstmals tatsächlich Wasserstoff produziert wird, ist etwas Besonderes“, sagt er.
Strategisch hat sich VDL bewusst auf eine Technologie festgelegt: Statt Festoxid-Elektrolyseuren, die zwar theoretisch effizienter sind, aber noch vor erheblichen technischen Herausforderungen stehen, setzt das Unternehmen auf alkalische Elektrolyseure. Diese gelten als näher an der Marktreife und damit als entscheidender Hebel für den schnellen industriellen Hochlauf der Wasserstofftechnologie.
Stärke der Niederlande: Dünnschichttechnologien
Ein zentrales Kompetenzfeld der Niederlande liegt laut Dorrepaal in der Dünnschichttechnologie. Elektroden in Elektrolyseuren werden mit Katalysatoren aus seltenen Materialien beschichtet. Durch Dünnschichtverfahren lässt sich derselbe Effekt mit deutlich geringerem Material erzielen.
„Diese Dünnschichttechnologie ist auch für Batterien interessant, da Batterien und Elektrolyseure sich in gewisser Weise ähneln“, so Dorrepaal. Derzeit ist die Anwendung dieser Technologie im Wasserstoffbereich noch nicht weit verbreitet. Eingesetzt werde sie aber heute schon in der Halbleitertechnik. Weitere Verfahren werden etwa von TNO, der niederländischen Organisation für angewandte Forschung, untersucht.
Herausforderungen gemeinsam lösen
Der internationale Wettbewerb stellt auch die Niederlande vor große Herausforderungen – vor allem gegenüber Regionen mit niedrigeren Produktions- und Lohnkosten. Bei Elektrolyseuren und Wärmespeicherung sieht Dorrepaal Gestaltungsspielraum auf europäischem Boden. Insbesondere durch Automatisierung in der Produktion und den Export von Schlüsseltechnologien
Gerade diese Themen zeigen, warum beispielsweise der Austausch mit Deutschland so relevant ist: Technologische Souveränität entsteht nicht im Alleingang, sondern durch Co-Creation, industrielle Zusammenarbeit und einen offenen Dialog entlang der europäischen Wertschöpfungsketten.
Grenzüberschreitende Wasserstoffprojekte mit Deutschland
In den vergangenen Jahren sind zahlreiche Projekte zwischen Deutschland und den Niederlanden im Bereich Wasserstoff entstanden. Eine Erfolgsgeschichte der deutsch-niederländischen Zusammenarbeit ist beispielsweise das gemeinsame Projekt „HyPerLink“, das eine grenzüberschreitende Wasserstoff-Pipeline aufbaut und so die Infrastruktur für den Wasserstofftransport verbessert.
Hervozugeben ist die enge Verbindungen zwischen Nordbrabant und Baden-Württemberg.
Die Hightech-Industrie und die Forschungszentren in Nordbrabant, wie das Holst Centre, bringen ihre Expertise in Wasserstofftechnologien und fortschrittlichen Materialien ein, während Baden-Württemberg mit exzellenten Universitäten und Forschungseinrichtungen in Life Sciences, Ingenieurwesen, Medizin, Biowissenschaften und Wasserstofftechnologien punktet. Die Vielzahl an innovativen KMU in beiden Regionen fördert zudem schnellen Wissenstransfer und gemeinsame Pilotprojekte. Michael Kröger, Geschäftsführer vom InnovationLab in Heidelberg erklärt, wie wichtig eine gemeinsame Plattform für Entwicklung und Industrialisierung neuer Technologien ist: „Die Kooperation zwischen uns und Noord Brabant/Holst Centre besteht schon seit über zehn Jahren und wurde zuletzt durch einen Kooperationsvertrag 2023 bekräftigt.“
Partnerschaften mit den Niederlanden sind laut Kröger besonders interessant, weil die Niederlande pragmatisch und schnell in der Umsetzung seien, was die Markteinführung neuer Technologien beschleunigt. „Gerade im Bereich neuer Materialien und Komponenten für Wasserstoffsysteme ergeben sich für die Niederlande große Synergien mit süddeutschen Unternehmen und Forschungseinrichtungen.“
Dieser Artikel basiert auf einem Interview, das zuvor auf Englisch auf IO+ veröffentlicht wurde.




