Die Niederlande sind in Sachen nachhaltige Mobilität Vorreiter: über 200 000 öffentliche und halböffentliche Ladepunkte, jeder dritte Schwerlast-Lkw in Europa stammt aus niederländischer Produktion und eine E-Auto-Quote von 25 Prozent bei Neuzulassungen. Als Direktor von RAI Automotive Industry NL repräsentiert Pim Grol die niederländische Automobilindustrie und kennt ihre Herausforderungen. Er ist zudem Mitglied des Programmbeirats für „Nachhaltige Mobilität“ bei Holland High Tech (HHT). Sein Ziel? Innovationen im Bereich Elektromobilität und autonomes Fahren voranzutreiben.
Autonomes Fahren: Zeit für Testrouten auf öffentlichen Straßen
„Wir können nicht alles auf geschlossenen Testgeländen oder in Simulationen entwickeln“, sagt Grol. „Es ist Zeit, dass wir Testrouten für autonomes Fahren auf öffentlichen Straßen schaffen – unter realen Bedingungen.“ Länder wie Deutschland und Frankreich hätten bereits Pilotprojekte gestartet. Die Niederlande müssten nachziehen. Branchenverbände stehen in engem Dialog mit der Regierung.

Gleichzeitig macht Grol deutlich, dass die niederländische Autoindustrie ihre Stärken klar definiert hat: Nutzfahrzeuge, Elektrifizierung und innovative Materialien. „Ein Drittel aller Schwerlast-Lkw in Europa wird in den Niederlanden produziert“, betont er. Hersteller wie DAF treiben zudem die Elektrifizierung schwerer Nutzfahrzeuge voran. Ein Segment, das auch für Deutschlands Logistikbranche entscheidend ist.
Nachhaltige Mobilität braucht Fortschritte bei Materialien und Ladeinfrastruktur
Der niederländische Automobilsektor setzt stark auf Leichtbaumaterialien. Wurden früher vor allem Stahlbleche verwendet, kamen später Aluminiumkomponenten hinzu. Heute spielt Carbon eine immer größere Rolle, denn es ist als Material nicht nur extrem stabil, sondern auch deutlich leichter und damit effizienter als Stahl oder Aluminium.
Bei der Ladeinfrastruktur sind die Niederlande ebenfalls weit vorn. Mit über 200 000 öffentlichen und halböffentlichen Ladepunkten hat das Land eine der dichtesten Infrastrukturen weltweit. Deutschland plant bis 2030 eine Million Ladepunkte, kämpft aber noch mit Netzengpässen und unklaren Förderstrukturen.
Herausforderungen bei Elektro-Lkw
Trotz der Fortschritte bleibt viel zu tun. Grol nennt konkrete Zahlen: „Von den Zehntausenden Elektro-Lkw, die wir bis 2035 in Europa brauchen, sind derzeit weniger als 1.500 auf den Straßen.“ Hersteller wie DAF können attraktive Elektro-Lkw bauen, doch Logistikunternehmen stoßen auf Infrastrukturprobleme: überlastete Stromnetze und zu wenige Schnellladestationen entlang wichtiger Transportkorridore wie der A2. „Es ist entscheidend, dass die Regierungen in diesen Bereichen handeln“, fordert Grol.
Nachhaltige Mobilität: Eine europäische Herausforderung
Die Elektrifizierung und Dekarbonisierung des Straßenverkehrs ist ein zentrales Thema auf Europas Straßen. Kein Land wird dies allein für sich schaffen können. Ein Blick über die eigenen Ländergrenzen ist entscheidend, um die Stärken des Nachbarn mit seinen eigenen zusammenzubringen. Beispielsweise mit Deutschland. Beide Länder ergänzen sich: Deutschland bringt im Automotive-Bereich Produktionskapazität, ein dichtes Zulieferernetzwerk und starke Forschungsinstitute mit, die Niederlande fungieren als Testmarkt für Innovationen mit Expertise in Smart Mobility und Logistik. Konkrete Kooperationen gibt es bereits. Niederländische Hersteller wie DAF arbeiten bereits eng mit deutschen Logistikern zusammen – etwa bei der Elektrifizierung von Transportflotten.
Die EU legte 2025 einen Aktionsplan vor, um die europäische Autoindustrie durch Investitionen in E-Mobilität, Batterien, Software, KI und autonomes Fahren wieder international wettbewerbsfähig zu machen. Kernpunkt ist u.a. die Förderung der Batterie- und Ladeinfrastruktur.
Im Rahmen zahlreicher grenzüberschreitender Handelsmissionen präsentiert sich der niederländische Sektor potenziellen deutschen Partnern.
Dieser Artikel basiert auf einem Interview, das zuvor auf Englisch auf IO+ veröffentlicht wurde.




