Der Besuch der niederländischen Hightech-Delegation in Jena hat gezeigt, dass es um mehr geht als um Firmenbesichtigungen. Entscheidend ist der Austausch zwischen ganzen Ökosystemen – von Forschung und Industrie bis hin zu Clusternetzwerken. Auf der W3+ Fair wurde deutlich: Thüringen und die Brainport-Region teilen ähnliche Stärken, und gerade im Zusammenspiel können neue Impulse für Photonik, Halbleiter und Medizintechnik entstehen.
Im Rahmen der W3+ Fair hielt John Blankendaal, Geschäftsführer von Brainport Industries, die Keynote „Regional Ecosystems: Driving Entrepreneurial Cooperation“. Im Interview mit Niederlande Nachrichten sprechen Anke Siegmeier, Geschäftsführerin von OptoNet e.V. und John Blankendaal gemeinsam über die Rolle regionaler Ökosysteme, Chancen für Kooperationen und die nächsten Schritte für deutsche KMU und niederländische Partner.

Niederlande Nachrichten: Was macht regionale Innovationsökosysteme wie Brainport Industries und Thüringen so besonders?
John Blankendaal: Cluster bündeln Kräfte. Früher war vieles auf Preis und klassische Lieferketten fokussiert. Heute geht es um gemeinsame Innovationen, gegenseitiges Vertrauen und darum, Chancen zu erkennen. Regionale Netzwerke wie Brainport Industries oder OptoNet schaffen dafür die Strukturen und bringen Unternehmen, Forschung und Bildung zusammen. Wir verbinden bei Brainport Industries über 130 Hightech-Zulieferer mit ASML und anderen Global Playern – so entstehen gemeinsame Standards, Pilotprojekte und echte Skalierungsmöglichkeiten für die Industrie.
Anke Siegmeier: Deutsche Ökosysteme wandeln sich von geschlossenen, hierarchischen Strukturen hin zu Offenheit und Zusammenarbeit. Angesichts geopolitischer Herausforderungen ist genau das auf europäischer Ebene wichtiger denn je. Cluster sind dafür ideale Brückenbauer – sie helfen, Kontakte zu knüpfen und Kooperationen langfristig zu entwickeln. OptoNet etwa vereint über 130 Unternehmen und Forschungseinrichtungen aus der Optik und Photonik und fungiert damit als zentrale Schnittstelle – vergleichbar mit Brainport, wo Wirtschaft, Wissenschaft und Politik systematisch vernetzt werden.
Niederlande Nachrichten: Und wie ergänzen sich die Cluster sich in ihren jeweiligen kulturellen Stärken und technologischen Schwerpunkten?
Siegmeier: Ich sehe hier vor allem Stärken. In Deutschland gibt es tiefes technisches und wissenschaftliches Know-how. Die Niederlande bringen Dynamik und Flexibilität ein. Gemeinsam entsteht daraus ein starkes Fundament, das sowohl verlässlich als auch anpassungsfähig ist. Deutschland muss dabei schneller werden und eine Kultur zulassen, in der Fehler möglich sind. Was mich an den Niederlanden beeindruckt: Dort denkt man nicht in Risiken, sondern in Chancen – und ergreift sie, auch wenn nicht jede sofort die richtige ist.
Blankendaal: Das stimmt. Deutsche Präzision und Zuverlässigkeit kombiniert mit niederländischer Kreativität und Agilität – das macht uns gemeinsam stark im internationalen Wettbewerb.
Niederlande Nachrichten: In welchen Technologien sehen Sie aktuell die größten Schnittmengen und Chancen für Kooperationen?
Blankendaal: Besonders in Photonik, Halbleitern und Medizintechnik. Diese Bereiche stehen alle vor der Aufgabe, Forschungsergebnisse schneller in marktreife Anwendungen zu überführen. Dafür braucht es Partner, die unterschiedliche Kompetenzen einbringen.
Siegmeier: In Thüringen liegt die Stärke in klassischer Optik, Präzision und Komponenten-Design, während die Niederlande führend bei integrierten photonischen Schaltkreisen sind. Genau hier entsteht großes Kooperationspotenzial: Wir können niederländische Expertise in Miniaturisierung und Upscaling mit deutscher Kompetenz in Beschichtungen, Packaging und industriellen Anwendungen verbinden. So lassen sich Technologien nicht nur entwickeln, sondern auch erfolgreich in den Markt bringen.
Niederlande Nachrichten: Welche Rolle spielen europäische Projekte bei dieser Zusammenarbeit?
John Blankendaal: Europäische Programme sind wichtig, weil sie Kooperationen überhaupt erst möglich machen. Sie bringen Unternehmen und Forschungspartner aus verschiedenen Regionen zusammen. Entscheidend ist aber, dass daraus echte Geschäftsbeziehungen werden – genau da setzen Cluster wie Brainport oder OptoNet an.
Anke Siegmeier: Förderprogramme sind gute Türöffner. Aber was wirklich zählt, sind funktionierende Partnerschaften. Europäische Projekte helfen uns, Stärken zu bündeln und eine Basis für langfristige Zusammenarbeit zu schaffen – gerade jetzt, wo Europa geschlossen auftreten muss.
Niederlande Nachrichten: Lassen Sie uns auch über Fachkräfte sprechen. Wie können die Cluster hier unterstützen?
Siegmeier: Wir müssen früh Begeisterung für Technologie wecken. In Jena und in Eindhoven gibt es bereits viele Initiativen – von Schülerprogrammen bis hin zu internationalen Studierenden-Netzwerken. Ein Austausch zwischen den Regionen, etwa durch Praktika oder Forschungsprojekte, liegt nahe und wird schon heute diskutiert.
Blankendaal: In Eindhoven haben wir die Dutch Technology Week, bei der Kinder Roboter programmieren oder mit Chemie experimentieren. Solche Formate sind entscheidend, um den Nachwuchs für eine Karriere in der Hightech-Industrie zu gewinnen. Wenn wir diese Initiativen zwischen den Regionen verknüpfen, hat Europa die Chance, junge Talente langfristig im Hightech-Sektor zu halten.
Niederlande Nachrichten: Wenn Sie den Blick nach vorne richten – was sind die nächsten Schritte für die Zusammenarbeit zwischen Brainport und OptoNet?
Blankendaal: Wichtig ist, dass wir den Schwung der Delegationsreise mitnehmen. Solche Begegnungen dürfen kein Einmalereignis bleiben. Es braucht Folgeprojekte, Matchmaking-Events und den kontinuierlichen Austausch zwischen Unternehmen. Nur so entstehen nachhaltige Kooperationen.
Siegmeier: Für mich liegt eine große Chance bei den KMU. Sie profitieren besonders von diesen Netzwerken, weil sie über Cluster leichter Zugang zu internationalen Partnern und Märkten erhalten. Brainport und Thüringen haben hier viel Potenzial, gemeinsam europäische Wertschöpfungsketten zu stärken.
Fazit
Mit der Delegationsreise nach Thüringen, den Eindrücken auf der W3+ Fair und dem Dialog zwischen Brainport Industries und OptoNet ist eine solide Basis für die künftige Zusammenarbeit gelegt. Es wird klar, dass auf Cluster-Ebene Strukturen entstehen, die weit über einzelne Geschäftskontakte hinausgehen.
Für deutsche Mittelständler eröffnet sich damit die Chance, nicht nur neue Partner in den Niederlanden zu gewinnen, sondern auch Teil einer wachsenden europäischen Hightech-Achse zu werden – von Photonik über Halbleiter bis hin zu Medizintechnik.
Bildcredits: Katrin Schindler/Niederlande Nachrichten




